Zemirot Israel
Zemirot Israel. Hebräische Handschrift auf Papier.
Los 1031
Schätzung
2.500€ (US$ 2,841)
Seltenes Judaicum: "Zemirot Israel" - ein handschriftliches Gesangbuch mit Hymnen und Liedern zum Sabbat
Zemirot Israel (hebraice: Gesänge Israels). Hebräische Handschrift mit Luach (Kalenderteil). 83 num. Bl. mit 159 beschriebenen S. 12 Zeilen. Italienisch-jüdische Quadratschrift mit kursiven Elementen. Schriftraum 11,5 x 8,5 cm. Format 15 x 11,2 cm. Pergament d. Z. (kleiner Kratzer, beschabt und Kanten etwas berieben, bestoßen). Ferrara / Norditalien ca. 1750-1760.
"Zemirot Israel" sind traditionelle jüdische Lieder und Gesänge, wie es auf dem Titelblatt-Incipit heißt: "zmirot ysrael yom za yom za mikal yom mechuvar ae hashivt [...]", womit der Text des ersten Sabbatliedes anhebt: "Dieser Tag ist ehrenvoller als alle Tage, denn er ist der Sabbat des Schöpfers der Welten. Sechs Tage sollst du arbeiten, aber der siebte Tag ist ein Sabbat für deinen Gott. Du sollst an ihm keine Arbeit tun".
Die "Zemirot Israel"-Lieder werden gemeinhin vor und während der Sabbat-Mahlzeiten zu Tische angestimmt. Die meisten der Texte stammen aus jüdischen Quellen des Mittelalters, sie feiern den Sabbat, die Schöpfung und auch die sinnlich-kulinarische Genüsse nach den jüdischen Riten. Dabei wird der Esstisch zu einem Altar Jehovas, der die Mahlzeit mit einem privaten Gottesdienst verbindet. Stark war hier auch der Betrag der sephardischen Liedtradition, die sich hier mit aschkenasischen Überlieferungen vermischt, woraus vermutlich die Lokalisierung (die sich durch Papierqualität, Kalzierung, Einband, Kalligraphie zu bestätigen scheint) nach Norditalien ergibt, auch wenn freilich eine wissenschaftlich fundierte Bewertung noch aussteht. Zu den bekanntesten Gesängen zählen "Adon Olam", "Tzur Mishelo", "Yah Echsof"oder das "Anim Zemirot (Shir Hakavod)".
Auf der letzten Seite ein Besitzvermerk eines italienischen Juden "Garo Finzi" in hebräsicher Schrift und italienischer Bezeichnung "questo Zimirot Ysrael è del Sig: Garo Finzi", einzelne hebräische Einträge werden von italienischen Randvermerken begleitet. Damit gehört die Handschrift eindeutig in den Kontext der berühmten jüdischen Familie Finzi aus Ferrara und Norditalien - eine Gelehrten- und Rabbinerfamilie von hoher kultureller und sozialer Bedeutung innerhalb der italienisch-jüdischen Welt des 18. Jahrhunderts. In der Handschrift erscheinen mehrfach Namens- und Besitzvermerke der Familie Finzi, darunter der Name Elisha / Ben Elisha Finzi, was die Überlieferung als Familienexemplar überzeugend stützt und der Handschrift einen ausgeprägt personal-historischen Charakter verleiht.
Die Familie brachte zahlreiche Rabbiner und Talmudgelehrte, Prediger und Gemeindeleiter, Ärzte und Humanisten sowie Bankiers und wirtschaftlich einflussreiche Persönlichkeiten hervor. Einige Finzis waren im 15.-18. Jahrhundert zentrale Figuren des jüdischen Geisteslebens Norditaliens. Besonders hervorzuheben sind etwa: Mordechai Finzi (Mantua, 15. Jh.), Arzt, Mathematiker und Astronom; Hizkija ben Benjamin Finzi (Ferrara), bedeutender Talmudist; Gur Aryeh Finzi, Herausgeber rabbinischer Werke; oder Isaac Raphael ben Elisha Michael Finzi (1728-1813), berühmter Prediger, später Mitglied und Vizepräsident des Pariser Sanhedrin (1806).
Die paläographischen Merkmale, das Papier und die Schriftform sprechen für eine Entstehung um die Mitte des 18. Jahrhunderts (ca. 1750-1760) - zeitlich gut vereinbar mit der Generation der in Ferrara belegten Finzi-Schreiber- und Rabbinerfamilie. Die Zuschreibung an den Familienkreis ist aufgrund der Autornennungen und der internen Eigennotizen auf überzeugende Weise plausibel und macht die Handschrift zu einem kultur- und familiengeschichtlich hochbedeutsamen Zeugnis.
Zum Inhalt:
Die Handschrift enthält eine umfangreiche Sammlung von Zemirot, Pijjutim und liturgischen Gesängen für Sabbat, Festtage und den religiösen Jahreslauf. Zemirot Yisrael (oder: Zemirot Yisra’el) ist der Titel einer traditionellen Sammlung hebräischer Melodien und liturgischer Lieder, die sowohl im synagogalen Kontext als auch im familiären Hausgebrauch gesungen wurden. Die Texte verbinden religiöse Dichtung, Andachtslyrik und gemeinschaftliche Ritualpraxis. Hervorzuheben ist am Ende der Handschrift ein Luach - ein kurzer Kalenderteil, der der praktischen religiösen Orientierung im Jahreslauf diente. Er ist in tabellarischer Form ausgeführt und spiegelt den pragmatischen Gebrauch der Handschrift im Familien- und Gemeindeleben wider. Auch wenn es sich um einen nicht datierenden, immerwährenden Kalender handelt, unterstreicht er den funktionalen Charakter des Buches. So steht die Handschrift in enger Traditionslinie zu jener Gruppe italienisch-jüdischer Zemirot-Manuskripte, die seit dem frühen 18. Jahrhundert - besonders in Ferrara und dem oberitalienischen Raum - nachweisbar sind (vgl. etwa: Sotheby’s, New York, 2025 - Kitzur Zemirot Yisrael, Ferrara 1840, dekorierte Titel- und Familienhandschrift (Victor-Klagsbald-Collection). – Nur wenige Gebrauchsspuren, hin und wieder saubere, alte Papierergänzungen (meist nur unwesentlicher Textverlust), kaum Fingerfleckchen oder sonstige Flecken, in feinster, sauberster Kalligraphie auf bemerkenswert festem, weißen Büttenpapier einer italienischen Mühle mit breitem Siebraster geschrieben. Jüdische "Zemirot"-Handschriften um 1600 sind von großer Seltenheit.
Conrad, Balthasar
Traktat von der Glaubwürdigkeit und Unverfälschtheit der katholischen Lehre. Deutsche Handschrift auf Papier
Los 1032
Schätzung
200€ (US$ 227)
"Die wahre Lehre wird dort sein,
wo sie von Wundern begleitet wird" -
Eigenhändige Verteidigung des katholischen Glaubens von dem Breslauer Jesuitenrektor
Conrad, Balthasar. Traktat von der Glaubwürdigkeit und Unverfälschtheit der katholischen Lehre. Deutsche Handschrift auf Papier. 2 geheftete Doppelblätter mit zus. 4 Bl. mit 8 nn. S. 28 Zeilen. Schrift: deutsche Kurrentschrift. Format: 24 x 16,5 cm. Mit einigen kalligraphischen Schwüngen. In modernem Kartonumschlag. Breslau, 1652-1655.
Eines umfangreiche Disputation und Abhandlung über die Glaubwürdigkeit und Integrität der katholischen Lehre des Rektors des Breslauer Jesuitenkollegs, unterschrieben "Ihrer Gnaden Dienstwilliger in Christo Balthasar Conradus S. I. Coll. Vratisl. Rector" (1609-1660).
Der Text wurde einer ausführlichen wissenschaftlichen Untersuchung von Rainer Rudolf unterzogen, der feststellte: "Offenbar handelt es sich bei unserem Text um eine Reinschrift durch den Verfasser selbst ... Durch scharfes Beschneiden am rechten Rand wurden manche Wörter verstümmelt, doch fehlen jeweils nur wenige Buchstaben, so daß sich die Wörter leicht ergänzen lassen ..." (Balthasar Conrads Traktat von der Glaubwürdigkeit und Unverfälschtheit der katholischen Lehre, Sonderdruck aus dem Archivum Historicum Societatis Iesu, Extractum e vol. XLI, Roma 1972).
"Die Schrift von Pater Baltasar Conrad S. I. (1609-1660) findet sich im Privatarchiv von Professor Eis. Die kritische Ausgabe wurde von R. Rudolf S. D. S. erstellt. In der Einleitung bietet der Herausgeber sorgfältig neue Daten und korrigiert einige Biografien von Pater Conrad, in denen er die Abhandlung anderer Autoren beisteuert. Der Text ist verfasst als eine Antwort, die Pater einer Edeldame gab, deren Namen wir nicht kennen und die sich in ihren Gewissenskonflikten an ihn gewandt hatte. Pater Conrad stützt seine Argumentation auf die Wunderlehre und beginnt mit den Worten Christus: 'Wenn nicht ich die Werke (Wunder) unter ihnen getan hätte ...' (Joh 15, 24). Das Argument lautet: Die wahre Lehre wird dort sein, wo sie von Wundern begleitet wird, die denen Christi und der Apostel ähneln; solche Wunder geschehen nur in der katholischen Kirche ..." (nach dem spanischen und lateinischen "Resumen - Summarium"). – Papier teils etwas stärker gebräunt, rechts beschnitten, leicht über den Rand (o.g. geringer Buchstabenverlust). Provenienz: Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis, Heidelberg, Hs. 197, erworben am 2. August 1971 bei Antiquariat Jacques Rosenthal (Hans Koch), Eching bei München. – Beiliegt: Rainer Rudolf, Balthasar Conrads Traktat von der Glaubwürdigkeit und Unverfälschtheit der katholischen Lehre, Sonderdruck, zit. oben.
Testament
der Anna Polixena von Krasseg. Schloss Krasseg (Steiermark) 1659
Los 1033
Schätzung
200€ (US$ 227)
Testament der Anna Polixena von Krasseg. Deutsche Handschrift auf Papier. 6 nn. Bl. mit 9 S. Text. Schrift: Kanzleibastarda. Schriftraum: bis 21,8 x 15 cm. Format: 31,5 x 19,5 cm. Mit kalligraphischen Schnörkeln. Moderner Kartonumschlag. Schloss Krasseg (Steiermark) 1659.
Reinschrift des Testaments der reichen Witwe Anna Polixena von Krasseg, Herrin von Schätzenberg, in der Regeste mit "Testament Abschrifft" betitelt und notariell gezeichnet "Kollationiert Landt Canzler zu Krain (?), den 29. Januarij Anno 1659 LS Conradt Hagg", demnach zahlreiche bewegliche und immobile Güter sowie beträchtliche Gelder in der Erbmasse zur Disposition stehen. – Sehr sauber und wohlerhalten. Provenienz: Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis, Heidelberg, Hs. 54, erworben von Helko Eis bei Hans Koch, Antiquariat Jacques Rosenthal in Echning, Dezember 1967. – 125/1054
Hostauer Judeneid
Deutsche Handschrift auf Papier. 7 S. auf 4 Bl. 14-18 Zeilen
Los 1034
Schätzung
1.400€ (US$ 1,591)
"So ein Jud einen Ayd schwören wil"
Hostauer Judeneid - Taufzettel. Deutsche Handschrift auf Papier. 7 S. auf 4 Bl. 14-18 Zeilen. Schrift: Deutsche Kurrentschrift. Format: 10,8 x 7 cm. Moderner Pergamentumschlag (unter Verwendung älteren Materials). Hostau in Böhnen 1659-1662.
Sehr kleine, aber sehr gehaltvolle, umfangreiche und engbeschriebene Handschrift, die wohl einem Geistlichen, einem Gerichtsschöffen o. ä. als Vademecum diente. Auf Fol 1v nennt er sich als Wenzeslaus Adelbert Miller aus dem westböhmischen Hostau, dem heutigen tschechischen Hostoun auf halber Strecke zwischen Pilsen und Amberg. Zunächst ein:
"Verzeichnus der Hochlöbl. Bistumümer der Röm. Reichs. Annotiert von mir Wencelslao Adalberts Miller der Zeit wohhafft in der Stadt Hostau: im Königreich Böheimb: am fest s. gregorijy Anno 59". Es folgt Fol 1v ein Register mit Nennung einiger Bistümer des Heiligen Römischen Reichs wie "Straßburg", "Maytz", "Treyer" (Trier), "Cöln".
Hauptteil der kleinen, aller Wahrscheinlichkeit in sich vollständigen Handschrift ist ein ausrührliches Iuramentum Iudaeorum, ein seltener deutscher Judeneid, der ganze vier engbeschriebene Seiten umfasst (Fol 2r-3v). Der Judeneid, auch "More Iudaico", war eine von Stadtherren, Richtern und Kirchenobersten den Juden obligatorisch auferlegter Schwur auf die Gebote Moses und besiegelt mit dem höchsten Gebet "Höre Israel", mit dem sich Juden einer Anklage oder einer Beschuldigung gegenüber zur Wehr setzen konnten. Für Betroffene hatte der Judeneid, der Zwange, sich vor seinem eigenen Gott und dem Propheten Moses zu verantworten eine klar diskriminierende Konnotation und steht somit meist in Verbindung zu Herabwürdigung, Einschüchterung, Verfolgung, Hetze und Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung
"Eines Juden Aydt. So ein Jud einen Ayd schwören wil, so sol er bey ihm haben Herrn Moyses buch, darin die Zehen gebot geschrieben stehen, und sol sie rechter Hand bis auf oder an die Knorren auf die Zehen gebot Legen. Und sol ihm der eyd schriefftlich vorgelegt werden, den sol er selbst lesen mit lauter stim: das hab ich nit gethan, und bin des gantz unschuldig, also helf mir gott, der himmel und erden erschaffen hat: und also helf mir die Ee, die gott gebott, die die gab Hern Moysi auf den berg Sinai in Zweiyen Stainen tafeln, mir und aller Juden zu trost:
Es folgt das wichtigste Gebet des Judentums "Schma Jisrael" ("Höre Israel"): "Schem Adanai elohecha laschane ... escher issa et schmo Laschane", gewissermaßen als höchste jüdische Schwurformel.
Der zweite Text (Fol 6, 7r), datiert 1662 in schwarzer Tinte hinzugefügt worden, offenbar war das kleine Heft bis dahin in Gebrauch. Es enthält einen "Taufzettel", datiert "den iij. May 1662" mit einem Taufmahngedicht, ebenfalls in deutscher Sprache, gereimt in 8 Versen zu 16 Zeilen: "Jetz und hir angezaiget ist / daz schöne kindlein Jesu Christ / Bevreyt bist du nun von Sünd / und von den gottes Liebes Kind / So wachs nun auf mit gutem vleis, Sey deinen eltern ehr und preis / ein erb der frohen Seligkeit / Welche hier allzeit ist bereit ..." (ungefähre Lesart mit Fehlern).
Der schon im frühen Mittelalter nachweisbare Judeneid wurde nahezu überall in Europa angewendet und erst im 19. Jahrhundert abgeschafft bzw. verboten (in den preußischen Erbländern am 15. März 1869). – Provenienz: Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis, Heidelberg, Hs. 94. Vorderer Innendeckel mit Signatur "Hs. 94" und Stempel "Prof. Dr. Gerhard Eis". Fliegender Vorsatz am Schluss mit eigenhändigen Einträgen der bibliographischen Angaben: "Veröffentlicht: G. Eis. Judeneid aus Hostau in Böhmen, Journal of English and Germanic Philology LII, 1953, S. 86-89", "G. Eis, Mitteilungen aus altdeutschen Handschriften aus dem Sudentenländern, Stifter-Jahrbuch VIII (1964), S. 174-178" und weiteres.
Fogaccia, Gaetano
Conclusiones physico-metaphysice plurium auctorum
Los 1035
Schätzung
300€ (US$ 341)
Fogaccia, Gaetano. "Conclusiones physico-metaphysice plurium auctorum Soc. Jesu Auditore Caietano Fogaccia Bergomate convictore Collegij Nobilium S. Antonij. Brixiae Anno Domini MDCCVIIII". Lateinische Handschrift auf Papier. Ca. 320 nn. Bl. 20 x 14,5 cm. 29 Zeilen. Kurrent in schwarzbrauner Sepia mit kalligraphischen Auszeichnungen. Braunes Kalbsleder d. Z. (stärker beschab, berieben, nur kleine Fehlstellen) mit Resten von RVergoldung und sprenkelmarmorierter Schnitt. Brixen 1709.
Umfangreiche Kompilationen der wichtigsten Erkenntnisse aus Physik und Metaphysik nach mehreren Autoren der Jesuitenforscher, angefertigt von dem Studenten Gaetano Fogaccia aus Bergamo, der am dortigen St. Antonius-Kolleg "Convictor" war, also "convitto", Student, der in einem jesuitischen Internat (dem Convict oder Kolleg) wohnt. Sein Studium führte ihn wohl dann nach Brixen in Tirol, wo die vorliegende Mitschrift entstand. – Leicht gebräunt, vereinzelt ein wenig Tintenfraß, geringe Fleckchen, insgesamt sehr sauber und gut lesbar.
Juristischer Sammelband
Deutsche Handschrift auf Papier
Los 1036
Schätzung
1.800€ (US$ 2,045)
Bedeutendes frühneuzeitliches Gerichts- und Verhörbuch mit Judeneid (hebräisch umschrieben) und Hexenrecht
Juristischer Sammelband. Deutsche Handschrift auf Papier. Ca. 280 Bl. (num. 1-335 mit Fehlern). 18,5 x 15,4 cm. Pergament d. Z. unter Verwendung einer Urkunden-Handschrift des 15. Jahrhunderts (stark abgerieben, Gelenke brüchig, Deckel lose, ohne Schließbänder, stärker fleckig und bestoßen). Franken Anfang 18. Jahrhundert.
Umfangreicher handschriftlicher Sammelband mit Abschriften von Gesetztestexten, Halsgerichtsordnungen, Strafberichten, Formularien und Präzedenzfällen aus Urkunden des 15.-18. Jahrhunderts. In deutscher Sprache verfasst von mehreren zeitgenössischen Kanzleihänden des 17. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein praxisorientiertes Gerichts- und Verhörbuch, das für den konkreten Einsatz im gerichtlichen Alltag bestimmt war und entsprechend deutliche Gebrauchsspuren aufweist.
Der Text vereint zentrale Bereiche der frühneuzeitlichen Rechtspraxis: allgemeine Gerichtsordnung, detaillierte Interrogatoria (systematisch nummerierte Verhörfragen), Instruktionen für Richter und Examinatoren sowie umfangreiche Formulare zur Eid- und Schwurleistung: "Ordnung über den Bericht und Rats verneuerung, Im ganzen Fürstenthumb Brandenburg [d. i. Fürstentum Ansbach-Brandenburg] unter- und oberhalb des Gebirgs Anno 1454", "Wie man das Gericht verlegen und verbieten soll", Gerichtsordnung: "Anfenglich fragt der Richter den Gerichts Knecht ... Andtwort deß Gericht Knechts", "Von dem christlichen Proceß", "Formular Peinlichen Process am Halsgericht zu Neustatt", "Verzaichnus der fragen und Antwortt zum Seckhendörffischen Gericht zu Ipßhaim hie volgt", "Der Richter und Vogt, auch der S[ch]ultheißen Aydt" etc.
Entstanden ist die Niederschrift Franken, zwischen Würzburg und Nürnberg, genannt werden u. a. Neustadt (an der Aisch), Seckendorf, Ipsheim und Nürnberg. Der erste Text ist wohl auch als Referenz gemeint.
Von herausragender Bedeutung ist der ausführlich ausgeführte Judeneid, der hier nicht lediglich erwähnt, sondern vollständig wiedergegeben ist. Bemerkenswert ist die Umschrift zentraler hebräischer Gottesnamen und Schwurformeln (u. a. Adonai, Elohecha), die fest in den deutschen Text eingebunden sind. Diese Praxis verweist auf die besondere rechtliche Stellung jüdischer Prozessbeteiligter innerhalb der frühneuzeitlichen Gerichtsbarkeit. Ob diese Umschrift der Verständlichkeit, der rechtlichen Bindung oder einer verpflichtenden rituellen Form diente, bleibt offen; sie unterstreicht jedoch die Ausnahmestellung des Judeneides und die formalisierte Abgrenzung jüdischer Eidesleistungen vom übrigen Verfahrensrecht.
Ein weiterer zentraler Komplex ist dem Malefizrecht und der Hexe gewidmet. In mehreren Abschnitten werden Straftatbestände, Verdachtsmomente und Verfahrensweisen im Zusammenhang mit Hexerei, Schadenszauber und anderen malefizischen Handlungen behandelt. Die zugehörigen Verhörkataloge zeigen eine bereits stark formalisiert-juristische Behandlung des Hexenwesens, charakteristisch für die fortgeschrittene Phase der frühneuzeitlichen Strafverfolgung.
Das Manuskript weist mindestens drei unterschiedliche Schreiberhände auf, was auf eine längere Nutzung sowie fortlaufende Ergänzungen schließen lässt. Rubrizierte Überschriften und vereinzelte dekorative Initialen strukturieren den Text. Papier mit sichtbaren Kettenlinien; altersbedingte Bräunung, kleinere Flecken und Randabnutzung, insgesamt jedoch in gutem, authentischem Erhaltungszustand.
Ein eindrucksvolles und seltenes Zeugnis frühneuzeitlicher Rechtspraxis, das Judeneid (mit hebräischer Umschrift), Hexenrecht und gerichtliche Verhörtechnik in einer regional verortbaren Handschrift vereint. Besonders der Judeneid verleiht dem Manuskript eine ausgeprägte judaica-historische Dimension, während die Abschnitte zu Malefiz und Hexe tiefe Einblicke in die Rechts-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte des 17. Jahrhunderts ermöglichen. Ein Objekt von hoher Attraktivität für spezialisierte Sammler, Institutionen und die Forschung. – Etwas ausgebunden, einige Blätter lose, mehrere sind weiß geblieben.
Laertius, Diogenes. Ex Läertio de vitis philosophorum Anno 1719. Lateinische Handschrift auf Papier. 124 num. S. 16 Zeilen. Schrift: lateinische Kurrent. Format: 10,2 x 8 cm. Pergament (abgegriffen, fleckig) unter Verwendung von Material d. Z. Wohl Tiroler Raum, datiert 1719.
Kleines Breviarium philosophorum, eine Taschenkompilation aus den Viten der Philosophen nach den Schriften des Philosophiehistorikers und Doxographen Diogenes Laertius (3. Jahrhundert n. Chr.), der die Biographien der bedeutendsten antiken Philosophen und deren Lehren zusammenfasste und damit eine unerschöpfliche Quelle für unser heutiges historisches Wissen bildete.
Das interessante an dem Kompendium ist die thematische Zusammenfassung nach alphabetischen Stichwörtern wie "Admonitio", "Adolescens", "Adversa", "Aequanimitas", "Amicitia", "Amare et amor", "Arcana", "Avaritia", "Aulico", "Aurum", um allein den Buchstaben "A" zu zitieren. – Provenienz: Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis (1908-1982), Heidelberg, Hs. 27, mit eigenhändigem Besitzvermerk des Sammlers und dessen Stempel.
Arnhold, Christian
Artzeney Buch Vor vile Jinnerliche, und eusserliche, des
Los 1038
Schätzung
300€ (US$ 341)
Arnhold, Christian. Artzeney Buch Vor vile Jinnerliche, und eusserliche, des menschlichen Leibes zu stossenden Schwachheiten und Krankheiten, bewerthe Mittel. Deutsche Handschrift auf Papier. 1 Bl., 342 hs. num. S., 7 nn. Bl. Schrift: Kalligraphie und deutsche Kurrent. Text in Sepia mit einigen Unterstreichungen in Rotbraun. 19,5 x 16 cm. Halbleder d. Z. (Rücken mit größeren Fehlstellen, Bezug teils abgeschabt, Gebrauchsspuren, stärker bestoßen). Deutschland (Kohren bei Leipzig) 1725.
Im Jahre 1721 begonnenes, bis 1725 weitergeführtes Arzneibuch aus einer Hand, wohl Autograph von einem Schuldiener mit Namen Christian Arnhold, der über Geburts-, Tauf- und Sterberegister in die sächsische Kleinstadt Kohren zu verorten ist, das heutige Kohren-Sahlis, ein Ortsteil der Stadt Frohburg im Süden des Landkreises Leipzig.
Enthalten sind Hunderte von wertvollen Ratschlägen und Rezepten der Gesundheitsfürsorge und Humanmedizin, darüber hinaus auch ein eindrucksvolle Sprachzeugnis des Barock, das von zahlreichen Germanisten sprachlich und inhaltlich wissenschaftlich bearbeitet wurde:
"Artzeney Buch Vor vile Jinnerliche, und eusserliche, des menschlichen Leibes zu stossenden Schwachheiten und Krankheiten, bewerthe Mittel. Theils aus Eigenerfahrung, und Probä Theils auch aus erfahren, und gelehrter Leute Schrifften zusammen getragen und auffgezeichnet. Vor allein nur arme und Preßhaffte und sehr kränckliche Menschen aus Liebe bemerket, und eingetragen. Benebst einen Vollständigen Register von Christian Arnhold. Derzeit Kirch- und Schull-diener In-Jahrshayn Anno Christi 1725" (Titel).
Veröffentlichungen bzw. Teilveröffentlichung und Nenneng bei:
Gerhard Eis. Späte Paracelsus-Exzerpte aus unbekannten Handschriften, in: Eis, Vor und nach Paracelsus (1965) S. 74-93. - Karl-Heinz Weimann. Paracelsus-Bibliographie 1932-1960 (1963), S. 86. Volker Wendland, Die Gräfin von Mansfeld, eine Verfasserin spätmit-telalterlicher Rezepte, in: Medizinische Monatsschrift 23 (1969), S. 544- 548. – Etwas gebräunt, vereinzelter Durchschlag, insgesamt sehr sauber und kaum Gebrauchsspuren. - Provenienz: Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis, Heidelberg, Hs. 46, mit dessen Fiche mit eigenhändigem Eintrag in Tinte auf dem vorderen Innenspiegel: "Handschrift 46 Christian Anrholdt Rezeptbuch, 1725 im Besitz Doz. Dr. Gerhard Eis" und hs. "Gekauft am 12. Juni 1940 in Dresden bei Paul Alike, lt. Kat. 236, Nr. 1297". Beiliegen mehrere eigenhändige Transkriptionszettel von Eis, ferner 4 gestempelte und unterschriebene Auszüge aus dem "Geburts-, Tauf-, Sterbe-, Aufgebots- und Begräbnisregister der ev.-luth. Kirche zu Kohren", die sich auf den Autor Christian Arnhold beziehen (von 1940).
Liebenberg
"Sammlung fürstlicher und adeliger Wappen". Deutsche Handschrift auf Papier. Um 1728
Los 1039 [^]
Schätzung
3.500€ (US$ 3,977)
Aus dem Besitz des Antiquars William Salloch, New York
Liebenberg. - "Sammlung fürstlicher und adeliger Wappen" (hs. Titel). Deutsche Handschrift auf Papier. 1 Bl. und 70 num. Wappentafeln mit hs. Beischriften. Format: 16 x 18,4 cm. Mit 71 ganzseitigen Wappenmalereien in Deckfarben und zweifach gefalteter großer Wappentafel (20,8 x 34,6 cm). Hellbraunes Halbleder d. Z. (beschabt und bestoßen, Vorsätze stärker abgerieben) über 5 erhabene Bünde mit Goldfileten und goldgeprägtem RSchild "Armories" sowie dreiseitigem Rotschnitt. Deutschland (Schloss Liebenberg) nach 1728.
Wohl für das Adelsgeschlecht der Freiherren Hertefeld (Hertefeldt) von Liebenberg am Ende des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts angefertigtes Wappenbuch, das alle prachtvollen Wappenschilder der Freiherren bzw. Barone, Fürsten, Könige und Kaiser zeigt, die irgendwie mit dem Geschlecht verwandt und assoziiert sind. So zeigt die große Falttafel am Schluss (No. 71) das Wappen "Cleve", da die Hertefeldt dem kleveschen Adelsgeschlecht im 17. Jahrhundert entstammen: "Comtes de Lottum et Willich".
Am Anfang ein großes kaiserliches Wappen mit Krone, Einhorn, Greif und dem Orden vom Goldenen Vlies mit hs. Beischrift "Duc d'Espagne en Russie - Liria grand et Ambassadeur 1728". Enthalten sind auch englische und schottische Adelsgeschlechter "Angleterre", "Ecosse", "France" z. B. "Du Bourg Maréchal de France et Gouverneur de Straßbourg", "Hollande", "Gueldre" etc. – Nur vereinzelte kleine Oberflächenbereibungen, wenige Farbabplatzungen, fast durchgehend in bemerkenswert guter, frischer Qualität.
Provenienz: Vorsatz mit kleiner gelber Klebefiche: "Aus der Bibliothek des Baron von Hertefeld in Liebenberg". Das Geschlecht der Freiherren von Hertefeldt zu Schloss Liebenberg in Brandenburg (nördlich von Berlin im Löwenberger Land) hatte wohl als wichtigsten Spross den Freiherren Samuel von Hertefeldt aus dem klevischen Adelsgeschlechts von und zu Hertefeldt hervorgebracht, einen preußischen Staatsmann, Geheimer Oberfinanz-, Kriegs- und Domänenrat sowie Ritter des Schwarzen Adlerordens, der als Erbherr von Liebenberg erstmals ein Schloss errichten ließ, in dem auch eine Bibliothek eingerichtet wurde. Mit altem Wappenstempel auf dem Vorsatzblatt. Vorsätze aus türkischem Marmorpapier, der hintere mit Marke des bedeutenden Antiquars William Salloch, New York.
Rossarznei und geistliches Lied
Deutsche Handschrift auf Papier. Deutschland 1728
Los 1040
Schätzung
220€ (US$ 250)
Rossarznei und geistliches Lied. Deutsche Handschrift auf Papier. Fragment. Deutschland 1728. - Rezepte zur Kurierung von Pferden:
Rossarznei und geistliches Lied. Deutsche Handschrift auf Papier. Fragment mit 6 nn. Bl. Schrift: deutsche Kurrent. Format: 21 x 16 cm. Moderner Kartonumschlag. Deutschland 1728.
Rezepte zur Kurierung von Pferden ("Wenn ein Roß aufgebrochen ist mit Zeiten..."), denen "Ain segenes Geistliches Liedt" beigegeben ist. An dessen Schluss datiert "1728". – Erstes Blatt hier zu einem Drittel abgerissen (Textverslust), wahrscheinlich fehlen anfangs weitere Blätter, etwas fleckig, mit Gebrauchsspuren. Provenienz: Tenner Heidelberg Auktion 81 10/1970. Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis, Heidelberg, Hs. 157.
Neuschloß
Kontorbuch aus der Kaunitz-Bibliothek Neuschloß. Deutsche Handschrift auf Papier
Los 1041
Schätzung
460€ (US$ 523)
Kontorbuch der bedeutenden böhmischen Residenz "Neuschloss"
Neuschloß. - Kontorbuch aus der Kaunitz-Bibliothek Neuschloß. Deutsche Handschrift auf Papier. Ca. 80 Bl. mit ca. 80 beschriebenen S. in brauner Sepiatinte und 36 Vakat-Blätter.Tabelle mit 4 Spalten, bis 30 Zeilen mit Einträgen. Schrift: deutsche Barock-Kurrent. Format: 19,5 x 16,5 cm. Geheftet und über 3 Bünde (ohne Decken, aus einem Einband ausgelöst). Neuschloß, Nordböhmen 1750-1761.
Aus dem heutige tschechischen Schloss Nový zámek (Neuschloß) stammendes Kontorbuch mit Hunderten von Einträgen der Jahre 1750-1761, die eine ganze Wirtschaftsgeschichte im Barock rekonstruieren lassen: "Ausgabe von NeuSchloß Monath January 1750". Zum Barockschloss gehört der Neugarten sowie die größten Parkanlagen Böhmens, die im Stil der englischen Gärten angelegt worden waren - und noch heute zu den bedeutendsten Tschechiens gehören.
Das Kontorbuch, das aus der Bibliothek des Fürsten Wenzel Anton von Kaunitz (1711-1794) stammt, verzeichnet Einnahmen und Ausgaben, etwa: "Vor die pro Januario abgeführende contribution", "Den Pfarrer und denen Rechen Vättern sambt buben und contor der colecta", "Kircheninteressen", "Nach Prag geschicket der Herr Ragnitzki", aber auch Reparaturarbeiten wie: "die Schoßstiegen machen zu lassen" und vieles, vieles mehr. – Provenienz: Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis, Heidelberg, Hs. 43. Mit auf den Vorderdeckel montierter Fiche: "Handschrift 43 Ausgabenbuch (aus Neuschloß), 18. Jhdt. im Besitz von Dr. Gerhard Eis, Prag 1938". Kostbar sind auch die zahlreichen Vakat-Blätter feinster Bütten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Rönisch, Carl Ernst
"Einige Anmerkungen" - Chronik von Hubertusburg, Dt. Handschrift auf Papier
Los 1042
Schätzung
3.200€ (US$ 3,636)
Witterung, Moritaten und politisches Weltgeschehen - die unveröffentlichte Chronik von Hubertusburg
Rönisch, Carl Ernst. "Einige Anmerkungen und Beobachtungen gesammlet von Carl Ernst Jänisch in Hubertusburg, bis zu Ende des 1807ten Jahres" [und:] "Fortsetzung der Anmerkungen und Beobachtungen von 1808 an gesammlet", 2 Teile in 1 Band. Deutsche Handschrift in schwarzbrauner und roter Tinte auf Papier. 48 nn.; 26, 2 w. Bl. mit zus. 148 dicht beschriebenen Seiten in deutscher Kurrent. Schriftraum ca. 28 x 18 cm. Format 35 x 22 cm. Mit kleiner Federzeichnung. Halblederalbum d. Z. mit 4 Bindebänder, Deckelbezügen in Kleisterpapier (beschabt, bestoßen, berieben) und montiertem leeren Titelschild. Hubertusburg 1770-1813.
Unveröffentlichte, sehr umfangreiche und überaus detaillierte Chronik der Güter, Ländereien und Gegenden um den Weiler Hubertusburg bei Wermsdorf und Oschatz in Sachsen, ungefähr auf halbem Wege zwischen Leipzig und Dresden. Das Jagdschloss, auf dem der sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs August III. temporär residierte, war als barocker Prachtbau ab 1720 errichtet worden, der Autor der Handschrift Carl Ernst Rönisch war als Gärtner und Landwirt zunächst als Adjunkt, später als Verwalter der Güter tätig und begleitete diese Tätigkeiten in seinen Aufzeichnungen, wobei er minutiös das Wetter, die Witterung, das Klima, was sich alles auf die Landwirtschaft auswirkte, dokumentiert. Zur Chronik gehören aber auch alle historischen Ereignisse der näheren Umgebung, die Rönisch in den weltpolitischen Zusammenhang stellt, was die Chronik zu einer geradezu einzigartigen Quelle der Geschichtsforschung macht. Beispielsweise werden alle Truppenbewegungen der Russen, Habsburger, der Preußen und Franzosen taggenau genannt, aber auch sämtliche sich im näheren sächsischen Raum zugetragenen Moritaten, die der Autor wie folgt kennzeichnet:
"+ Ein Kreutz, auf der linken Rande bedeutet natürliche Todes Fälle; ++ Zwey Kreutz, Gemordete und Selbstentleibte; +++ drey Kreutz, durch die Justiz Hingerichtete."
Vor allem auch für die Paläoklimatologie dürfte die Chronik von unschätzbarem Wert sein, lässt sich hier doch ein nahezu lückenlos dokumentiertes Klimabild über mehr als 40 Jahre verfolgen. Rönisch schreibt u. a.:
"Im Jahre 1762 den 15 Febr: verließ ich meinen Geburts-Ort Cölln, wo mein Vater damals auf dem Königl. Jagd-Hause Hallali, als Gärtner und Hausmann diente, und begab mich auf Reisen. 1763, den 15 Febr. ist der Friede wegen des 7jährigen Krieges zu Hubertusburg geschlossen worden. In dem näml. Jahr ist mein Ehrherr, der Hofgärtner Starke in Meissen Salzverwalter worden, und mein Vater in seiner Stelle zu Hubertusburg eingerückt, jedoch mit Beybehalt des Collenschen Gartens [...]. Nach Achthalbjährigen Reisen kam ich 1769 den 11 Junii glücklich in Hubertusburg an [...]".
"1771 war ums neue Jahr die angenehmste Witterung, viele Landleute die wegen grosser Nässe vor Winters nicht hatten bestellen können, säeten jetzt ihr Winterkorn. Den 25 Januar: wurde der bekannte Kirchen Räuber Eulitz, zu Oschatz an den dortigen Raths-Galgen gehängt. Gegen Ende Januar stellte sich Frost und Schnee genug ein [...]. In diesem Monate erhielt ich auch mein Adjunctur-Decret von Dresden.", "1772 [...] Den ganzen Sommer hindurch war die Witterung vermischt mit Gewittern und fruchtbar, den 13 Sep. der erste Reiff, den 25 Sept. wurde der Mordbrenner Namens Bäumler aus Lanpertswalde, welcher 1769 in Calbitz den großen Brand verwahrlost hatte, in Großböla [Großböhla] auf einem Scheiderhaufen verbrannt.", "1774. [...] Den 27 Mart. war der Palm-Sonntag, geschahe hier zu Wermsdorf eine fast unerhörte Mordthat: Ein Weib, namens Grüblerin, erschlug mit einer Holzaxt zu erst ihren Ehemann, hernach ihres Mannes Bruders Sohn, einen Menschen von 19 bis 20 Jahren, den sie an Kinds Statt angenommen hatten, beyde schlafend und in Betten liegend. Ihre vorher geäußerte Melancholie brachte sie nach Waldheim unter die Wahnwitzigen, wiewohl sie eine härtere Strafe verdient hätte."
"1791 [...] In diesem Jahr war die bekannte Zusammenkunft des Kaisers Leopolds, und des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm II. in Pillnitz, wo sie sich gegen die in Rebellions Stande befindlichen Franzosen verbanden, auch würklich mit ganzer Macht gegen dieselben marchierten, sich aber um die Eroberungen zankten, und darüber, so wie über den Rang selbst uneins wurden, wodurch die Franzosen nicht nur Luft bekamen, sondern die Preussen so gar auf ihrer Seite zogen. Die Kaiserin von Rußland räumte Preussen Danzig und Thoren [Thorn] ein, und es bey der Coalition zu erhalten, aber Preussen brauchte keinen Ernst mehr, ob es gleich noch ein Jahr die Campagne mit machte".
Die ständige Bedrohung durch die napoleonischen Truppen wird ebenfalls ausfühlich für den Landstrich protokolliert. So heißt es "Anno 1813 [...] den 4 [April] sehr kühl, an diesem Tage rückten in Mutzschen und umliegender Gegend viel Russische Cavallerie ein, aus dem hiesigen Magazin holten sie Hafen und Heu, in Reckwitz hatte jeder Bauer [Dienst?], den 5 hatten sie Rasttag, und gingen den 6 mit 12 Stücken Geschütz hier durch Wermsdorf nach Luppa zu, die Pferde waren schön, nicht so ihre Aufführung, den ganzen Tag heftiger Wind, den 9 ein wahrer Sommertag, abends querelten die Frösche [...]". Die kleine Randzeichnung mit einer ekliptischen Wetterskizze, die einen Regenbogen darstellt. – Vollständig, Bindung teils gelockert oder Lagen etwas ausgebunden, vereinzelte kleine Gebrauchsspuren und Braunfleckchen, teils etwas gebräunt, insgesamt sehr saubere, bemerkenswert gut lesbare Handschrift. Beiliegt ein weitere Blatt "Witterungsbeobachtung" von 1841.
Costanza, Lorenzo
"Storia della Chiesa di Inghilterra". Italienische Handschrift auf Papier.
Los 1043
Schätzung
300€ (US$ 341)
Die Untaten Heinrichs VIII vor der katholischen Kirche: "Matrimoni con Poligamie d'Enrico 8"
Costanza, Lorenzo. "Storia della Chiesa di Inghilterra". Italienische Handschrift auf Papier. 1 Bl., 68 S., 2 Bl. Register. 27 Zeilen. 26 x 17 cm. Italienische Kursiva-Kurrent in Sepia. Dunkelbraunes Kalbsleder d. Z. (Deckel stärker geworfen, fleckig, mit kleinen Lederfehlstellen, etwas brüchig) mit RVergoldung. Italien 1773.
Interessante Darstellung der Geschichte Englands aus italienischer Perspektive von dem Studioso Lorenzo Costanza, der sich am Schluss (S. 68) als Autor und Propst, Leiter eines Kollegiatstifts von Albiano (im Trentino) nennt. Er bedauert gleichzeitig die Auflösung des Jesuitenordens, die der Kirche großen Schaden zufügen würde. Den Jesuitenorden (die "Societas Jesu") hatte bekanntlich Papst Clemens XIV. am 21. Juli 1773 durch das Breve "Dominus ac Redemptor" offiziell aufgelöst: "Di Lorenzo Costanza prevosto d'Albiano. Lavoro di mesi due luglio ed agosto 1773. Nei sud[detti] mesi è seguita l'abolizione della Compagnia di Gesù e un grave danno della Chiesa".
Der Text enthält die wichtigsten Ereignisse der englischen Geschichte seit der Neuzeit und dem von Heinrich VIII. eingeführten Anglikanismus mit Kapiteln: "Della Chiesa d'Inghilterra", "Durazione della Fede Cattolica nell'Inghilterra", "Ruina della Chiesa d'Inghilterra sotto Enrico 8", "Enrico ottavo prima Cattolico", "Enrico 8 ripudia la Consorte per sposar Anna Bolena", "Sentenza del Papa intorno al matrimonio d'Encrico e Scommunica", "Sacrilegi e crudeltà d'Enrico 8", "Matrimonj con Poligamie d'Enrico 8", "Ultime disposizioni e morte d'Enrico 8", "Odoardo VI", "Maria", "Elisabetta", "Carlo primo", "Interregno", "Carlo 2", "Giacomo 2" etc. Am Schluss ein ausführliches Register. Es folgt eine Übersetzung der berühmten "Lettera di Maria Stuarda Regina di Scozia scritta dalla prigione a Sisto V". – Kaum Gebrauchsspuren, nur gelegentlich anfangs und am Ende leicht angestaubt, aus dem Besitz eines "Luciano Caruso" mit dessen Exlibris.
Chur und Graubünden
Stadtrecht. Deutsche Handschrift auf Papier.
Los 1044
Schätzung
800€ (US$ 909)
Das Graubündner Stadtrecht von 1676
Chur. - Stadtrecht. Deutsche Handschrift auf Papier. 2 Teile in 1 Bd. Bl., 163 S., 8 w. Bl.; 1 Bl., 40 S. Ca. 36-46 Zl. Format 17,5 x 11 cm. Mit 2 hübschen Federwerk-Vignetten und kalligraphischen Auszeichnungen. Schlichter Pappband d. Z. (unteres Kapital fehlerhaft, beschabt). Chur 1774.
Graubündener Codex mit dem ausführlichen Stadtrecht für die Stadt Chur, der heutigen Hauptstadt des ostschweizerischen Kantons Graubünden, geschrieben in feinster deutscher Kurrentschrift mit Auszeichnungen in kalligraphischer Fraktur und zwei hübschen Vignetten, davon eine Blume in Federzeichnung: "Stadtrecht" (Teil I) und "Ordnungen Eines Hoch und Wohlweisen Raths, Vogtgerichts, Ehegerichts, Stadtgerichts, Avvellatz-, Kundschaffts, Offenrechts, Arrests und Prefectengerichts, Erneuert und verbessert im Jahr 1676 Abgeschrieben 1774" (Teil II). Tatsächlich markiert das Jahr 1676 einen wichtigen Zeitpunkt in der Rechtstradition der Stadt Chur, die als älteste Stadt der Schweiz gilt. Stadtrechte waren in dieser Epoche von zentraler Bedeutung für die Organisation des städtischen Lebens und die Zentralität des Ortes. Sog. "Avvellatz-Gesetze" wurden vertreten durch Avvellatz-Richter (auch Avellaz-Richter), die v. a. im 17. und 18. Jahrhundert in den "Drei Bünden" (einem Vorläuferstaat des heutigen Graubünden in der Schweiz) tätig waren, was das Stadtrecht von 1676 kodifizierte.
"Ordnung Wieder das Gotteslästern", "Ordnung des Kirchgangs halber", "Ordnung Wieder die Kupplerey", "Ordnung in Churbündischen Erbfällen", "Ordnung wegen den Pferden vor den Hirten zu treiben", es folgen zahlreiche Gewerbeordnungen, etwa: "Ordnung der Metzgereyen", "Ordnung der Pfisteren", "Ordnung der Mülleren", "Ordnung der Wagneren", "Ordnung der Flözern" und vieles mehr, mit ausführlichem Register. – Kaum größere Gebrauchsspuren, meist sehr sauber und frisch und in feinster Schönschrift sauber auf Papier gebracht.
Meister Albrant
"Albrechts Roßarzneibuch, Rosenberger Pelzbuch"
Los 1045
Schätzung
500€ (US$ 568)
Rossarzneibuch Meister Albrants und Pelzbuch
des Jost von Rosenberg
Meister Albrant. "Albrechts Roßarzneibuch, Rosenberger Pelzbuch". Großes Fragment einer böhmischen Sammelhandschrift in tschechischer Sprache auf Papier. 159 (statt 185?) Bl., mit Seitennummerierung 53-412 (mit Fehlern und Sprüngen). Ca. 14 Zeilen. Schrift: nordböhmische Kurrent. Schriftraum: 19 x 16,4 cm. Format: 22 x 18,5 cm. Mit Rubrizierung und kalligraphischen Auszeichnungen der Überschriften in roter und brauner Feder. Halbleder d. Z. (Kanten und Ecken beschabt, gering bestoßen). Nordböhmen (Ploschkowitz, Leitmeritz) um 1800.
Gerhard Eis, Meister Albrants Roßarzneibuch im deutschen Osten (Schriften der Deutschen Wissenschaftlichen Gesellschaft in Reichenberg 9), Reichenberg 1939 (Nachdruck [Documenta Hippologica] Hildesheim/Zürich/New York 1985). - Gerhard Eis, Meister Albrants Roßarzneibuch. Verzeichnis der Handschriften, Text der ältesten Fassung, Literaturverzeichnis, Konstanz 1960, S. 15-21. – Großes Fragment einer besonders umfangreichen böhmischen Handschriften-Anthologie mit großen Teilen aus Meister Albrants Roßartzneibuch, des bedeutendsten hippiatrischen Textes des Mittelaltes, der in mittelhochdeutscher Sprache im 13. Jahrhundert wohl am Hofe des Stauferkönigs Friedrichs II. entstanden war. Geschildert werden 36 typische Krankheiten der Reitpferde und Anweisungen zu deren Kurierung. Der Mediaevist und Germanist Gerhard Eis, Heidelberg (1908-1982) sammelte Überlieferungen in Handschriften wie der vorliegenden des späten 18., bzw. frühen 19. Jahrhunderts, die er edierte, um damit erstmalig die Bedeutung der Roßarznei Meister Albrants für die Entwicklung der deutschen Sprache zu manifestieren. Wie wenige andere Texte wurde das Pferdebuch als praktische Diagnose- und Kurationsanweisung nahezu lückenlos über 800 Jahre tradiert und bildete somit ein Kaleidoskop der Sprachentwicklung und wichtige Quelle für die Linguistik zwischen Mittelalter und Neuzeit.
"Im Herbst 1937 von dem Prager Antiquar K. Zink gekauft. Es ist eine um 1800 hergestellte Abschrift eines Werkes, das 1599-1601 abgefaßt worden sein muß. Ein Pferdesegen aus Ploschkowitz bei Leitmeritz [das heutige Ploskovice bei Leitmeritz in Böhmen], ist 1599 datiert und das Pelzbuch das den ersten Abschnitt bildet, ist Peter Wok von Rosenberg (+1611) gewidmet, der Herr auf Krummau genannt ward. Diese Herrschaft verkaufte er jedoch 1601. Der erste Teil ist ein Roßarzneibuch, das zum großen Teil Vorschriften des Meisters Albrant, Kaiser Friedrichs Schmied, enthält. Von besonderer Wichtigkeit ist der vierte Teil, das Rosenberger Pelzbuch, von Jost von Rosenberg für Peter Wok von Rosenberg, verfaßt" (eigenhändiger Eintrag Gerhard Eis). Gemeint ist der Grundherrr Peter Wok von Rosenberg (1539-1611). – Provenienz: Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis, Heidelberg. Mit einmontierter Fiche auf dem fliegenden Vorsatz: "Handschrift H. 33 Albrechts Roßarzneibuch, Rosenberger Pelzbuch u. a. im Besitz von Dr. Gerhard Eis, in Ruppersdorf bei Reichenberg in Böhmen ist nach den Grundsätzen der [durchgestrichen:] Königl. Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin von Herrn Doz. Dr. Gerhard Eis im November 1937 aufgenommen worden". Fliegender Vorsatz mit umfangreichen hs. Einträgen des Germanisten und einer höchst ausführlichen Liste der Bibliographie von Veröffentlichungen über die Handschrift mit neun Titeln, meist von Eis selber.
[*]: Regelbesteuert gemäß Auktionsbedingungen. [^]: Ausgleich von Einfuhr-Umsatzsteuer.
* Alle Angaben inkl. 25% Regelaufgeld ohne MwSt. und ohne Gewähr – Irrtum vorbehalten.
Galerie Bassenge
Erdener Str. 5A
14193 Berlin
Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag, 10–18 Uhr,
Freitag, 10–16 Uhr
Telefon: +49 30 8938029-0
Fax: +49 30 8918025
E-Mail: info (at) bassenge.com
Impressum
Datenschutzerklärung
© 2024 Galerie Gerda Bassenge
Galerie Bassenge
Erdener Str. 5A
14193 Berlin
Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag, 10–18 Uhr,
Freitag, 10–16 Uhr
Telefon: +49 30 8938029-0
Fax: +49 30 8918025
E-Mail: info (at) bassenge.com
Impressum
Datenschutzerklärung
© 2022 Galerie Gerda Bassenge