Los 1036

Juristischer Sammelband
Deutsche Handschrift auf Papier

Schätzung
1.800€ (US$ 2,045)

Abgabe von Vorgeboten möglich

Los 1036 - Juristischer Sammelband - Deutsche Handschrift auf Papier - 0 - thumb

Aus dem Katalog
Alte Drucke und Handschriften
Auktionsdatum 14.4.2026

Aus dem Katalog
Wertvolle Bücher, Dekorative Graphik und Autographen
Auktionsdatum 14.–15. April, 2026

Lot 1036, Auction  127, Juristischer Sammelband, Deutsche Handschrift auf Papier

Bedeutendes frühneuzeitliches Gerichts- und Verhörbuch mit Judeneid (hebräisch umschrieben) und Hexenrecht
Juristischer Sammelband. Deutsche Handschrift auf Papier. Ca. 280 Bl. (num. 1-335 mit Fehlern). 18,5 x 15,4 cm. Pergament d. Z. unter Verwendung einer Urkunden-Handschrift des 15. Jahrhunderts (stark abgerieben, Gelenke brüchig, Deckel lose, ohne Schließbänder, stärker fleckig und bestoßen). Franken Anfang 18. Jahrhundert.
Umfangreicher handschriftlicher Sammelband mit Abschriften von Gesetztestexten, Halsgerichtsordnungen, Strafberichten, Formularien und Präzedenzfällen aus Urkunden des 15.-18. Jahrhunderts. In deutscher Sprache verfasst von mehreren zeitgenössischen Kanzleihänden des 17. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein praxisorientiertes Gerichts- und Verhörbuch, das für den konkreten Einsatz im gerichtlichen Alltag bestimmt war und entsprechend deutliche Gebrauchsspuren aufweist.

Der Text vereint zentrale Bereiche der frühneuzeitlichen Rechtspraxis: allgemeine Gerichtsordnung, detaillierte Interrogatoria (systematisch nummerierte Verhörfragen), Instruktionen für Richter und Examinatoren sowie umfangreiche Formulare zur Eid- und Schwurleistung: "Ordnung über den Bericht und Rats verneuerung, Im ganzen Fürstenthumb Brandenburg [d. i. Fürstentum Ansbach-Brandenburg] unter- und oberhalb des Gebirgs Anno 1454", "Wie man das Gericht verlegen und verbieten soll", Gerichtsordnung: "Anfenglich fragt der Richter den Gerichts Knecht ... Andtwort deß Gericht Knechts", "Von dem christlichen Proceß", "Formular Peinlichen Process am Halsgericht zu Neustatt", "Verzaichnus der fragen und Antwortt zum Seckhendörffischen Gericht zu Ipßhaim hie volgt", "Der Richter und Vogt, auch der S[ch]ultheißen Aydt" etc.
Entstanden ist die Niederschrift Franken, zwischen Würzburg und Nürnberg, genannt werden u. a. Neustadt (an der Aisch), Seckendorf, Ipsheim und Nürnberg. Der erste Text ist wohl auch als Referenz gemeint.

Von herausragender Bedeutung ist der ausführlich ausgeführte Judeneid, der hier nicht lediglich erwähnt, sondern vollständig wiedergegeben ist. Bemerkenswert ist die Umschrift zentraler hebräischer Gottesnamen und Schwurformeln (u. a. Adonai, Elohecha), die fest in den deutschen Text eingebunden sind. Diese Praxis verweist auf die besondere rechtliche Stellung jüdischer Prozessbeteiligter innerhalb der frühneuzeitlichen Gerichtsbarkeit. Ob diese Umschrift der Verständlichkeit, der rechtlichen Bindung oder einer verpflichtenden rituellen Form diente, bleibt offen; sie unterstreicht jedoch die Ausnahmestellung des Judeneides und die formalisierte Abgrenzung jüdischer Eidesleistungen vom übrigen Verfahrensrecht.

Ein weiterer zentraler Komplex ist dem Malefizrecht und der Hexe gewidmet. In mehreren Abschnitten werden Straftatbestände, Verdachtsmomente und Verfahrensweisen im Zusammenhang mit Hexerei, Schadenszauber und anderen malefizischen Handlungen behandelt. Die zugehörigen Verhörkataloge zeigen eine bereits stark formalisiert-juristische Behandlung des Hexenwesens, charakteristisch für die fortgeschrittene Phase der frühneuzeitlichen Strafverfolgung.

Das Manuskript weist mindestens drei unterschiedliche Schreiberhände auf, was auf eine längere Nutzung sowie fortlaufende Ergänzungen schließen lässt. Rubrizierte Überschriften und vereinzelte dekorative Initialen strukturieren den Text. Papier mit sichtbaren Kettenlinien; altersbedingte Bräunung, kleinere Flecken und Randabnutzung, insgesamt jedoch in gutem, authentischem Erhaltungszustand.

Ein eindrucksvolles und seltenes Zeugnis frühneuzeitlicher Rechtspraxis, das Judeneid (mit hebräischer Umschrift), Hexenrecht und gerichtliche Verhörtechnik in einer regional verortbaren Handschrift vereint. Besonders der Judeneid verleiht dem Manuskript eine ausgeprägte judaica-historische Dimension, während die Abschnitte zu Malefiz und Hexe tiefe Einblicke in die Rechts-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte des 17. Jahrhunderts ermöglichen. Ein Objekt von hoher Attraktivität für spezialisierte Sammler, Institutionen und die Forschung. – Etwas ausgebunden, einige Blätter lose, mehrere sind weiß geblieben.


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