Los 1042
Rönisch, Carl Ernst
"Einige Anmerkungen" - Chronik von Hubertusburg, Dt. Handschrift auf Papier
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3.200€ (US$ 3,636)
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Alte Drucke und Handschriften
Auktionsdatum 14.4.2026

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Wertvolle Bücher, Dekorative Graphik und Autographen
Auktionsdatum 14.–15. April, 2026


Witterung, Moritaten und politisches Weltgeschehen - die unveröffentlichte Chronik von Hubertusburg
Rönisch, Carl Ernst. "Einige Anmerkungen und Beobachtungen gesammlet von Carl Ernst Jänisch in Hubertusburg, bis zu Ende des 1807ten Jahres" [und:] "Fortsetzung der Anmerkungen und Beobachtungen von 1808 an gesammlet", 2 Teile in 1 Band. Deutsche Handschrift in schwarzbrauner und roter Tinte auf Papier. 48 nn.; 26, 2 w. Bl. mit zus. 148 dicht beschriebenen Seiten in deutscher Kurrent. Schriftraum ca. 28 x 18 cm. Format 35 x 22 cm. Mit kleiner Federzeichnung. Halblederalbum d. Z. mit 4 Bindebänder, Deckelbezügen in Kleisterpapier (beschabt, bestoßen, berieben) und montiertem leeren Titelschild. Hubertusburg 1770-1813.
Unveröffentlichte, sehr umfangreiche und überaus detaillierte Chronik der Güter, Ländereien und Gegenden um den Weiler Hubertusburg bei Wermsdorf und Oschatz in Sachsen, ungefähr auf halbem Wege zwischen Leipzig und Dresden. Das Jagdschloss, auf dem der sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs August III. temporär residierte, war als barocker Prachtbau ab 1720 errichtet worden, der Autor der Handschrift Carl Ernst Rönisch war als Gärtner und Landwirt zunächst als Adjunkt, später als Verwalter der Güter tätig und begleitete diese Tätigkeiten in seinen Aufzeichnungen, wobei er minutiös das Wetter, die Witterung, das Klima, was sich alles auf die Landwirtschaft auswirkte, dokumentiert. Zur Chronik gehören aber auch alle historischen Ereignisse der näheren Umgebung, die Rönisch in den weltpolitischen Zusammenhang stellt, was die Chronik zu einer geradezu einzigartigen Quelle der Geschichtsforschung macht. Beispielsweise werden alle Truppenbewegungen der Russen, Habsburger, der Preußen und Franzosen taggenau genannt, aber auch sämtliche sich im näheren sächsischen Raum zugetragenen Moritaten, die der Autor wie folgt kennzeichnet:
"+ Ein Kreutz, auf der linken Rande bedeutet natürliche Todes Fälle; ++ Zwey Kreutz, Gemordete und Selbstentleibte; +++ drey Kreutz, durch die Justiz Hingerichtete."
Vor allem auch für die Paläoklimatologie dürfte die Chronik von unschätzbarem Wert sein, lässt sich hier doch ein nahezu lückenlos dokumentiertes Klimabild über mehr als 40 Jahre verfolgen. Rönisch schreibt u. a.:
"Im Jahre 1762 den 15 Febr: verließ ich meinen Geburts-Ort Cölln, wo mein Vater damals auf dem Königl. Jagd-Hause Hallali, als Gärtner und Hausmann diente, und begab mich auf Reisen. 1763, den 15 Febr. ist der Friede wegen des 7jährigen Krieges zu Hubertusburg geschlossen worden. In dem näml. Jahr ist mein Ehrherr, der Hofgärtner Starke in Meissen Salzverwalter worden, und mein Vater in seiner Stelle zu Hubertusburg eingerückt, jedoch mit Beybehalt des Collenschen Gartens [...]. Nach Achthalbjährigen Reisen kam ich 1769 den 11 Junii glücklich in Hubertusburg an [...]".
"1771 war ums neue Jahr die angenehmste Witterung, viele Landleute die wegen grosser Nässe vor Winters nicht hatten bestellen können, säeten jetzt ihr Winterkorn. Den 25 Januar: wurde der bekannte Kirchen Räuber Eulitz, zu Oschatz an den dortigen Raths-Galgen gehängt. Gegen Ende Januar stellte sich Frost und Schnee genug ein [...]. In diesem Monate erhielt ich auch mein Adjunctur-Decret von Dresden.", "1772 [...] Den ganzen Sommer hindurch war die Witterung vermischt mit Gewittern und fruchtbar, den 13 Sep. der erste Reiff, den 25 Sept. wurde der Mordbrenner Namens Bäumler aus Lanpertswalde, welcher 1769 in Calbitz den großen Brand verwahrlost hatte, in Großböla [Großböhla] auf einem Scheiderhaufen verbrannt.", "1774. [...] Den 27 Mart. war der Palm-Sonntag, geschahe hier zu Wermsdorf eine fast unerhörte Mordthat: Ein Weib, namens Grüblerin, erschlug mit einer Holzaxt zu erst ihren Ehemann, hernach ihres Mannes Bruders Sohn, einen Menschen von 19 bis 20 Jahren, den sie an Kinds Statt angenommen hatten, beyde schlafend und in Betten liegend. Ihre vorher geäußerte Melancholie brachte sie nach Waldheim unter die Wahnwitzigen, wiewohl sie eine härtere Strafe verdient hätte."
"1791 [...] In diesem Jahr war die bekannte Zusammenkunft des Kaisers Leopolds, und des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm II. in Pillnitz, wo sie sich gegen die in Rebellions Stande befindlichen Franzosen verbanden, auch würklich mit ganzer Macht gegen dieselben marchierten, sich aber um die Eroberungen zankten, und darüber, so wie über den Rang selbst uneins wurden, wodurch die Franzosen nicht nur Luft bekamen, sondern die Preussen so gar auf ihrer Seite zogen. Die Kaiserin von Rußland räumte Preussen Danzig und Thoren [Thorn] ein, und es bey der Coalition zu erhalten, aber Preussen brauchte keinen Ernst mehr, ob es gleich noch ein Jahr die Campagne mit machte".
Die ständige Bedrohung durch die napoleonischen Truppen wird ebenfalls ausfühlich für den Landstrich protokolliert. So heißt es "Anno 1813 [...] den 4 [April] sehr kühl, an diesem Tage rückten in Mutzschen und umliegender Gegend viel Russische Cavallerie ein, aus dem hiesigen Magazin holten sie Hafen und Heu, in Reckwitz hatte jeder Bauer [Dienst?], den 5 hatten sie Rasttag, und gingen den 6 mit 12 Stücken Geschütz hier durch Wermsdorf nach Luppa zu, die Pferde waren schön, nicht so ihre Aufführung, den ganzen Tag heftiger Wind, den 9 ein wahrer Sommertag, abends querelten die Frösche [...]". Die kleine Randzeichnung mit einer ekliptischen Wetterskizze, die einen Regenbogen darstellt. – Vollständig, Bindung teils gelockert oder Lagen etwas ausgebunden, vereinzelte kleine Gebrauchsspuren und Braunfleckchen, teils etwas gebräunt, insgesamt sehr saubere, bemerkenswert gut lesbare Handschrift. Beiliegt ein weitere Blatt "Witterungsbeobachtung" von 1841.
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