Los 1031
Groß-Schützener Gesundheitslehre
Kochrezeptsammlung. Deutsche Handschrift auf Papier.
Schätzung
18.000€ (US$ 18,750)
Abgabe von Vorgeboten möglich
"Von der vierfussigen thier flaysch - Von dem weyne vnd anderm getranck" - Einzige Überlieferung einer Diätetik des Spätmittelalters
Groß-Schützener Gesundheitslehre. Deutsche Handschrift auf Papier. 68 nn. Bl., davon 126 beschriebene S., Rest vacat. Sehr ordentliche, frühneuzeitliche romanische Rotunda. 29-36 Zeilen. Schriftraum: 18 x 11 cm. Format: 22,5 x 16,5 cm. Modernes hellbraunes Halbziegenleder mit Rückenvergoldung (minimal berieben). Großschützen, Westslowakei, um 1530.
Umfangreiche, vollständige und ausschließlich in der vorliegenden Handschrift erhaltene spätmittelalterliche Diätetik, eine in deutscher Sprache abgefasste, um 1530 datierbare und lokalisierbare Ernährungslehre aus dem Ort Großschützen, dem heutigen Vel’ké Leváre in der Westslowakei (Region Záhorie an der Rudava), die aus der Bibliothek des Grafen Carl von Kollonitz (auch Kollonitsch) stammt. Der Heidelberger Mediävist, Germanist und Medizinhistoriker Prof. Dr. Gerhard Eis (1908-1982) gelang der Erwerb durch einen Katalog eines Prager Antiquariats und verfasste mehrere Aufsätze in regionalen wie mediävistischen, germanistischen und medizinhistorischen Zeitschriften. Er schreibt:
"Die ‚Groß-Schützener Gesundheitslehre‘, die in einer einzigen Handschrift aus dem Anfang des 16. Jh.s überliefert wird, ist in zweifacher Hinsicht von Bedeutung. Ihr vielseitiger Inhalt macht sie zu einer wertvollen Quelle für mehrere Gebiete der allgemeinen Kulturgeschichte, und ihre Wirkung im Herrschaftsbereich der Grafen Kollonitsch verleiht ihr einen besonderen Wert für die Erforschung der deutschen Kultureinflüsse im Südosten. Schriften ihrer Art sind bisher noch nicht zum Gegenstand umfassender Studien gemacht worden. Eine Auswertung allein zugunsten der Geschichte der Medizin oder der Botanik ließe sich wichtige Erträge entgehen. Bei dem Ziel, eine Zusammenfassung der Grundlagen für ein gesundes Leben zu geben, bietet der unbekannte Verfasser auch Angaben über Wohnhygiene, Leibesübungen, Bereitung Von Speisen und Getränken für Gesunde und Kranke, Tischsitten, Tierzucht, Jagd, Feld- und Gartenbau, Drogeneinfuhr und manche volkskundlich bemerkenswerte Einzelheiten." (Eis, Die Gross-Schützener Gesundheitslehre, 1943, Vorrede S. 8).
"Das Werk ist eine systematische, zusammenfassende Darstellung der diätetischen Anschauungen des Mittelalters. Es ist nach den sechs sogenannten res non naturales ("Veranlassungen") geordnet, und zwar in dieser Reihenfolge: I. aër (Von dem luft), 2.motus animi (Zufall), 3. exercitium (Übung), 4. somnus (Von dem slaffen vnd wachen), 5. cibus et polus. Die sechste "Veranlassung", evacuatio, hat kein eigenes Kapitel, sondern wird in einigen Kapiteln, die sich mit Speise und Trank befassen nebenbei berücksichtigt. Die Veranlassungen Nr. I-4 haben nur je ein Kapitel, so daß sie mit ihrem geringen Gesamtumfang zusammen nur einen einzigen Abschnitt (I) bilden. Speise und Trank sind dagegen in umfassender Weise behandelt, so daß sie in die Abschnitte II-XV gegliedert werden können: II. Von dem essen vnd trincken (Allgemeines, 2 Kapitel enthaltend), III. Federwild und Hausgeflügel (18 Kapitel). IV. Von der vierfussigen thier flaysch (14. Kapitel), V. Von den teylen der thyer, die da ynwendig seyn vnd außwendig (27 Kapitel). VI. Eier und Milcherzeugnisse (5 Kapititel), VII. Von den fischen (5 Kapitel), VIII. Von Krebsen, Austern und Schnecken (2 Kapitel), IX. Von dem weyne vnd anderm getranck (8 Kapitel), X. Von den krewttern (24 Kapitel), XI. Von den wurczeln, die yn vnsern nutz kummen (9 Kapitel), XII. Von den samen and grana, die man gemaynlichen vnd gewönlichen brauchet (12 Kapitel), XIII. Von den früchten yn die gemayne (29 Kapitel), XIV. Honig, Zucker, Salz (3 Kapitel), XV. Von dem gewürcze (11 Kapitel)." (Wolfgang Stammler, Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon V (1955), Sp. 263-265).
"Der Verfasser steht auf dem Boden der Lehre von den vier Qualitäten und deren vier Graden und beschreibt nach diesem Schema sämtliche Nahrungs- und Genußmittel. Wenn die Beurteilung bei den verschiedenen ‚Meistern‘ differiert, weist er kritisch darauf hin und hat gelegentlich auch den Mut, eine eigene Ansicht oder Zweifel anzudeuten. Er bietet zahlreiche Angaben über die mittelalterliche Krankheitslehre und Therapie […]. Der Verf. ist unbekannt. Es ist möglich daß er in der Preßburger Gegend gelebt hat, wo er etwa Mitglied der Academia Istropolitana oder der Sodalitas Litteraria Danubiana gewesen sein könnte. Auch die Sprache läßt diese Lokalisierung möglich erscheinen. Er war in der medizinischen Literatur sehr belesen; und zwar scheint er besonders aus venezianischen Frühdrucken geschöpft zu haben.
Benützung dt. Quellen ist nicht zu erweisen, doch sind seine Autoren zum großen Teil die nämlichen, von denen auch die älteren nationalsprachlichen Diätetiker des Spätmittelalters abhängig sind. Er erwähnt neben antiken (Hippokrates, Galen, Ruphos von Ephesos, Oreibasios, Dioskurides) besonders arabische Autoren (Mesue, Joannitius, Avicenna, Rhases, Isaak-ben-Soleiman, Averroes, Jesus Haly, Ali ben Rodh- wan, Ali Abbas, Avenzoar, Baldach) und mehrere Italiener von den Salernitanern bis zu den Humanisten (Nicolaus Praepositus Matthaeus Platearius, Wilhelm on Saliceto, Petrus Aponensis, Michael Savonarola, Platina de Sacchis, Theodosius). Da die von Theodosius besorgte Ausgabe des 'Commentum super aphorismos Hippocratis' des Nicolaus Nicoli erst 1522 erschien, kann die 'Groß-Schützener Gesundheitslehre' frühestens in diesem Jahre verfaßt worden sein. Die Darstellung ist klar und sorgfältig aber nicht besonders gewandt. Latinismen sind nicht selten; auch einzelne Wörter und kleine Sätze sind unverändert aus den lateinischen Vorlagen übernommen.
Der Wert der 'Groß-Schützener Gesundheitslehre' beruht auf ihrem reichen Inhalt, so daß sie mit Nutzen zur Interpretation der älteren, dt. Mediziner heranzuziehen ist. Literarische Wirkungen auf die spätere gedruckte Literatur sind nicht nachzuweisen, doch ist die Hs. von ihren Besitzern praktische zu Rategezogen worden. Von den aus Groß-Schützen stammenden dt. Hss. ist diese die älteste." (Gerhard Eis, ebenda, Sp. 264-265). Vgl. auch Gerhard Eis, Streiflichter zur Geschichte der Gesundheitslehre, 1956.
– Kaum fleckig, wenige Braunränder, insgesamt bemerkenswert sauber, außergewöhnlich gut lesbare Handschrift, auf dem ersten weißen Blatt ein alter Vermerk aus dem Barock: "Eine uralte Physikalische [dann ausgestrichen und in Bleistift überschrieben:]medizinische Handschrift 1788 Aug."
Provenienz: Sammlung Prof. Dr. Gerhard Eis, Heidelberg, Hs. 21. Mit einmontierter Fiche auf dem fliegenden Vorsatz: "Handschrift Nr. 21. Die Groß-Schützener Ernährungslehre, um 1530 im Besitz von Dr. Gerhard Eis, Pilsen, Karlsbaderstraße 39 ist nach den Grundsätzen der Königl. [durchgestrichen] Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin von Herrn Doz. Dr. Gerhard Eis im April 1937 aufgenommen worden". Erworben hat Eis die Handschrift bei dem Prager Antiquar O. Pysvejc (Katalog Knihovna hrab. Ch. K. ze zámku V. L., Choix des livres d'occasion de la bibliothèque du Comte Ch. K., Nr. 348a)." und ediert: Gerhard Eis, Die Groß-Schützener Gesundheitslehre, in: Studien zur Geschichte der deutschen Kultur im Südosten, Brünn, München und Wien 1943, S. 17. Derselbe und Rainer Rudolf, Altdeutsches Schrifttum im Nordkarpatenraum. München 1960, S. 57ff. (ausführliche Literaturangaben in eigenhändiger Notiz auf dem hinteren fliegenden Vorsatz).
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