Los 3092

Kisch, Egon Erwin
(1885-1948)Eigenhänder Brief m. U. mit Beischriften und beiliegendem Billet

Zuschlag
3.600€ (US$ 4,186)

Los 3092 - Kisch, Egon Erwin - Eigenhänder Brief m. U. mit Beischriften und beiliegendem Billet - 0 - thumb

Aus dem Katalog
„Egon Erwin Kisch“
Auktionsdatum 13.10.2021

Lot 3092, Auction  118, Kisch, Egon Erwin, Eigenhänder Brief m. U. mit Beischriften und beiliegendem Billet

"Kisch kämpft wie ein Löwe - und schreibt wenig" - "Nur Spanien kann Prag vor Hitler retten. Salud!"

Kisch, Egon Erwin. Eigenhändiger Brief an Jarmila Haasová in deutscher Sprache, mit Unterschrift "Viele Küsse von Deinem alten Egonek". 1 S. mit verso 2 eigenhändigen Beischriften mit Unterschrift von Maria Osten und Gustav Regler sowie mit beiliegendem eigenhändigen Billet mit Unterschrift von Leutnant Bertram (d. i. Bodo Uhse). 31,5 x 21,8 cm bzw. 15,5 x 11 cm. Madrid 28. Juli 1937.
Haupt S. 216ff. (mit Beischriften, das Billet unveröffentlicht). – Besonders inhaltsreicher, bedeutender Brief des Journalisten und Schriftstellers Egon Erwin Kisch an seine Prager Freundin, die Übersetzerin fast aller seiner Werke Jarmila Haasová, in dem der 'rasende Reporter' von seinen Erlebnissen an der Front des Spanischen Bürgerkriegs berichtet, wobei er zahlreiche Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Schriftsteller und Journalisten erwähnt, die er in Madrid oder in den Schützengräben traf.

"Wir Schriftsteller aus aller Welt und aus allen Lagern müssen in unseren Schriften nicht nur für die Gegenwart des spanischen Freiheitskampfes eintreten, sondern wir müssen auch dafür sorgen, daß die Geschichtsschreibung diesen heldenhaften Widerstand nicht verfälschen kann und ihn als das hinstellen muß, was er wirklich ist: ein Krieg um die Menschenrechte gegen die modernsten Gewaltmethoden der Reaktion, die Methoden des Faschismus!" hatte Kisch in seiner großen Rede auf dem 2. Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur (Valencia 1937) als Aufruf formuliert.

In seinem vorliegenden Brief äußert er sich zunächst über seine Reportagen und deren Veröffentlichung, die Jarmila Haasová in Tschechien organisierte: "Lieber Jamilatsch, hiermit beantworte ich Deinen Brief vom 7., der vor ein paar Tagen in meine Hände kam, - es ist ein weiter Weg vom Frieden in den Bürgerkrieg et vice versa, und ich weiß nicht, wann Du die Antwort kriegst. Inzwischen erlebt man so viel ... Heute lege ich einen Artikel Der Tod um den Eskurial und einen Mutter Madrid bei. Du kannst sie tschechisch veröffentlichen, wo Du willst, d. h. entweder beide im Rudé Právo oder einen (und das wäre der Eskurial in der Tvorba. Nachher, d. h. nachdem es erschienen ist, schicke den Eskurial an die Volkszeitung und Mutter Madrid (ich glaube im Manuskript heißt der Titel Häuserkrieg in Madrid) an die Rote Fahne..."

Die äußerste Gefahr, in die sich Kisch nicht nur durch die Kampfhandlungen selber begab, wird nicht zuletzt daraus deutlich, dass immer wieder Leute aus seiner unmittelbaren Umgebung den Einsatz nicht überlebten. So erwähnt er den slowakischer Lyriker und Kulturpolitiker Laco Novomeský (1904-1976), der zwei Jahre später nach Auflösung der Tschechoslowakei in den Widerstand ging und von der Slowakei aus den Slowakischen Nationalaufstand gegen den Faschismus organisierte, "Sag ihm [Laco], daß das schöne Mädchen, das mit uns an der Front war (sie hieß Gerda Taro) vor drei Tagen gefallen ist."

Gemeint ist "Gerda Taro (1911-1937), aufgewachsen in Leipzig, hatte sich als junges Mädchen der Arbeiterbewegung angeschlossen, wurde 1933 kurzzeitig inhaftiert und floh anschließend nach Paris. Am Krieg in Spanien nahm sie als Foto- und Filmreporterin teil; bei Aufnahmen im Kampfgebiet stürzte sie von einem Fahrzeug, wurde von einem Panzer erfaßt, schwer verletzt und verstarb am 27. Juli 1937. Unter großer Anteilnahme wurde die mutige Journalistin am 1. August in Paris auf dem Friedhof Père Lachaise beigesetzt. Spanische und französoische Zeitungen widmeten ihr ehrende Nachrufe, u. a. in Ce soir aus der Feder von Egon Erwin Kisch" (Haupt S. 292f.).

Des weiteren erwähnt Kisch die mit ihm in Madrid in engem Kontakt stehenden Journalisten und Schriftsteller Willi Bredel (1901-1964), "Kantor" (d. i. Alfred Kantorowicz; 1899-1979), Hans Marchwitza (1890-1965), Ludwig Renn (1889-1979), Ladislav Štoll (1902-1981) und Erich Weinert (1890-1953) sowie die "Jungs vom Rudé Právo", die er Jarmila zu grüßen aufträgt. Die Zeitschrift Rotes Recht war das Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Chefredakteur war der
Journalist, kommunistischer Politiker und Parteifunktiär Oldřich Švestka (1922-1983). "Ich will noch zur Zensur fahren, damit der Brief heute abgeht".

Verso finden sich noch zwei eigenhändige Beischriften an Jarmila Haasová von der Schriftstellerin Maria Osten (1908-1942), die als Sonderkorrespondentin der Deutschen Zentralzeitung (DZZ) auf der Seite der Internationalen Brigaden vom Spanischen Bürgerkrieg berichtete, wo bei sie noch im selben Jahr 1937 von dem französischen Komintern-Funktionär André Marty an Stalin als deutsche Spionin denunziert wurde. Am 8. August 1942 wurde sie verurteilt und von einem NKWD-Kommando, dem sowjetischen Innenministerium erschossen. Sie schreibt: "Liebe Jarmila, herzliche Grüße an Sie und Jonny - und natürlich an Kaspar! Kisch kämpft wie ein Löwe - und schreibt wenig. Maria Osten".

Die zweite Beischrift stammt von Gustav Regler: "Liebe Jarmilla [sic]! Das tue ich nun sehr gerne, nämlich Ihnen schreiben und Sie bitten, den Egonek weiter mit so spanientreuen Briefen zu verwöhnen. Mir gehts gut, die Löcher stopfen sich mit Anstand, und heute behauptet Egonek sogar, ich wäre schon wieder schön. Vergeßt uns nicht und treibt Eure Tschechen vorwärts. Nur Spanien kann Prag vor Hitler retten. Salud! Gustav Regler". Auch Regler hatte, wie Kisch, für den Spanischen Freiheitskampf ein Gewehr statt seiner Feder in den Dienste des Kampfes gestellt, wobei er schwer verwundet wurde ("Pistolenlöcher").

Beiliegt ein weiteres Billet (15,5 x 11 cm), unterschrieben mit "Beste Grüße Bertram": "Liebe Jarmila! Ich benutze die Gelegenheit da ich den Brief aufgebe, Dir herzliche Grüße zu schicken. Außer einem Kopfsteckschuß von dessen Folgen ich mich rasch erhole geht es mir sehr gut und ich kann in einigen Tagen wieder hinaus. Wir verteidigen hier Prag mit Macht und auch noch mehr und trotz aller Schwierigkeiten werden wir durchkommen". Bei dem Autor handelt es wohl um den sich allgemeinhin Leutnant Bertram nennende Schriftsteller Bodo Uhse (1904-1963), der mit Kisch befreundet auch in Madrid vor Ort war. Er hatte sich bei Kriegsausbruch als Freiwilliger und Politkommissar für Spanien gemeldet, woraus der Roman Leutnant Bertram wurde. Die deutsche Erstausgabe ist 1943 in Mexiko bei Editorial El Libro Libre erschienen. Der zweite Teil des Romans mit dem Titel 'Auf fremder Erde' spielt von 1936 bis 1937 und verarbeitet Uhses Erlebnisse im Spanischen Bürgerkrieg im Zeitraum. Leutnant Bertram war darin zunächst als Offizier der Legion Condor an der Bombardierung Madrids beteiligt und erhält dann den Befehl Guernica zu zerstören. Hier stürzt er mit seinem Kampfflugzeug ab, "ein Sturz aus der Lüge in die Wahrheit", worauf er dem Faschismus abschwört. – Wohlerhalten.

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