Los 3088

Kisch, Egon Erwin
(1885-1948)5 maschinenschriftliche Briefe an Jarmila Haasová in deutscher Sprache aus Bredene

Zuschlag
1.600€ (US$ 1,860)

Los 3088 - Kisch, Egon Erwin - 5 maschinenschriftliche Briefe an Jarmila Haasová in deutscher Sprache aus Bredene - 0 - thumb

Aus dem Katalog
„Egon Erwin Kisch“
Auktionsdatum 13.10.2021

Lot 3088, Auction  118, Kisch, Egon Erwin, 5 maschinenschriftliche Briefe an Jarmila Haasová in deutscher Sprache aus Bredene

"Reportage und Kommunist, das ist den Kritikern zu viel" - "Spanien, wo sich unser Schicksal entscheidet."

Kisch, Egon Erwin, und Gisela Lyner. 5 maschinenschriftliche Briefe an Jarmila Haasová in deutscher Sprache aus dem belgischen Küstenort Bredene in der Provinz Westflandern. Mit Unterschrift "Egonek" bzw. "Gisl". Jeweils 9 x 14 bis 10,5 x 15 cm. Mit 4 Kuverts. Bredene, Belgien 1936.
Die zeitgeschichtlich bedeutende Bredener-Briefe des politischen Umbruchjahres 1936. In den Sommermonaten zogen sich Gisela Lyner und Egon Erwin Kisch zum Arbeiten zurück in den belgischen Küstenort Bredene, sie schreiben als Absender "Breedene sur Mer Hôtel d'Anvers". Dort treffen sie u. a. die Autorin Irmgard Keun und viele andere, kommen aber mehr zum Arbeiten als in Versailles.

1) 22. Juni 1936.
1 1/2 S. von Egon Erwin Kisch mit Unterschrift "Tvůj starý Tě líbající Egonek" ("Dein alter, Dich küssender Egonek") und eigenhändiger Nachschrift "Beide, leider, haben wir kein Photo gefunden, Trotz allem Suchen E." Jarmila hatte sich für eine Publikation ein Foto erbeten (ggf. für ein Frontispiz). Es geht um eine wohl von dem tschechischen Redakteur und Übersetzer František Schörpner (1904-1941) abgelehnten Veröffentlichung von Kischs Reportagen in Prag. Schörpner, der auch für seine Karl May Übersetzungen bekannt war, verlor sein Leben am 29. März 1941 im Konzentrationslager Dachau.

"Die Sache mit Schörpner nimmst Du viel zu tragisch, ich möchte auch keinesfalls, daß die Schuld an meinem Boykott, welcher teils ein politischer, teils einer der literarischen Ahnungslosigkeit ist (die Leute halten eben immer noch Reportage für etwas weniger Feines), daß dieser Boykott so hingestellt wird, als sei er nur aus Konkurrenzgründen eines Herrn Schörpner oder wegen Honorarforderungen veranlaßt. Wir müssen einen Verlag finden, wenn nicht jetzt, so später, und das wird die Antwort sein".

Über die amerikanische Verlegerin Blanka Knopf, die Frau des New Yorker Verlegers Alfred A. Knopf, die ihn nach Paris bittet, Kisch lobt Jarmila für ihre Übersetzungen, aber auch für ihre eigenen Texte, von denen sie immer mehr verfasste: "Dein Artikel über Ostrowski ... ist ganz brillant ... Du beklagst Dich immer, daß man Deine Arbeit nicht anerkennt ... Das Zitat am Schluß, Lenins Worte, lassen den Artikel etwas zu parteijargonmäßig abklingen..."

2) 22. Juni 1936. 2 S. eng beschriebenes Blatt von Lyner am selben Tag. Sie berichtet über die Flucht aus dem Deutschen Reich nach Israel, die immer schwerer wird: "Das mit dem Zionismus ist komisch, aber ich höre das jetzt oft, von Leuten, die erst jetzt herauskommen, daß sie sich darauf verlegen". Ausführlich schreib Gisela über die Publikationsarbeit, Korrekturen und Abschriften mit der Maschine und berichtet interessant von den Lebensumständen in Belgien, wobei sie zahlreiche Preise nennt: "Pension zahlen wir pro Person 30 belg. Francs täglich ... ein Kaffee kostet 1.50 bis 2.50, je nach dem Lokal und eine Schachtel mit 25 Zigaretten 2.20".

Lyner schreibt von ihrem Kontakt mit der Autorin Irmgard Keun (1905-1982): "Und in Ostende (10 Minuten mit der Elektrischen von hier) wohnt eine neue Verlagskollegin von Egonek, die erst vor kurzem herausgegangen ist, vielleicht kennst Du sie dem Namen nach: Irmgard Keun. Sie hat Das kunstseidene Mädchen und Gilgi, eine von uns geschrieben. Also direkt einsam sind wir hier leider nicht, aber es ist doch ein großer Unterschied zu Versailles".

Über die am 5. Dezember 1936 im VIII. außerordentlichen Sowjetkongress der Sowjetunion verabschiedete Verfassung durch die Kommunistische Partei der Sowjetunion unter Josef Stalin, in der weder die Möglichkeit zu freien Wahlen noch die Wahrung von Menschenrechten faktisch vorgesehen waren - und die UdSSR von Stalin immer mehr zu einer Diktatur umgebaut wurde. "Hier im Land geht jetzt allerlei vor, wenn's doch nur auch mit einem so guten Erfolg enden würde wie in Frankreich! Und die neue Verfassung in USSR ruft auch großes Erstaunen hervor".

3) 15. Juli 1936. 2 S. masch. Brief mit Unterschrift "Egonèque" und 9-zeiliger Nachschrift, gezeichnet "Deine Gisl". Über die Situation in Bredene als Zufluchtsort der deutschen Intellektuellen, über seine Bücher und vieles mehr: "...vor allem wollten wir endlich den Kisch-Case [Landung in Australien] abschicken, es war ja schon zum Kotzen dieses Herumgemache daran. Jetzt ist es weg, und es kommt die zweite Hälfte des Buches, und das wird wohl noch ärger ... Gestern schickte ich Dir On the Pacific Front, das Buch von Tom [Fitzgerald], mit einer Widmung ... es ist wirklich ausgezeichnet! ... Du kannst Dir vom Rummel hier keinen Begriff machen, unter anderem sind in Ostende und Breedene: Joseph Roth, Hermann Kesten, Stefan Zweig, Irmgard Keun, Arthur Koestler, Lou Eisler, Artners, ein paar Arbeiter-Genossen, darunter proletarische Schriftsteller, denen es natürlich fürchterlich geht. Auch verdächtige Subjekte schleichen herum ... Eisner ... ist der einzige Mensch auf der Welt, der noch über mich schreibt, - Reportage und Kommunist, das ist den Kritikern zu viel ... Die Lou erzählt, daß sie Dir wegen Übersetzungen von Brecht und Paul Fischauer, dessen Biographie von Beaumarchais in Amerika ein Bestseller ist, schreiben ließ ... ".

4) 24. Juli 1936. 1 S. masch. Brief mit Unterschrift "Dein Egonek", bedeutender, zeitgeschichtlich interessanter Brief über sein Buchprojekt Landung in Australien, über neue Buch- und Reisepläne, aber auch über die aktuelle politische Situation, die er und Gisela Lyner aufmerksam verfolgten. So erwähnt Kisch die Tagung des Völkerbunds (die sog. Genfer Liga) und macht sich ernste Sorgen über den Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, der in der Woche zuvor durch die Militärrevolte in Spanisch-Marokko am 17. Juli 1936 begonnen hatte.
"Liebste Jarmila, nachdem Du also in jugendlichem Optimismus darauf bestehst, daß wir Dir die korrigierten Exemplare von Case aufheben, weil Du so sicher bist, einen Buchverlag dafür zu finden, so heben wir Dir die Manuskripte auf." Die Landung in Australien soltte dann tatsächlich 1937 bei Allert de Lange in Amsterdam erscheinen.

"Ich habe auch zwei Artikel von den Australien-Reportagen fast fertig, der eine, über die Botany Bay, ist mehr eine Einleitung zu dem Buch ... Der andere hat 15 Seiten und handelt von den Eingeborenen. Du fragst, was 'Orford' ist? Das weiß ich selbst nicht." Es handelt sich um den Dampfer, "mit dem Kisch Anfang März 1935 von Australien aus die Heimfahrt nach Europa antrat" (Haupt). "Fitzgeralds erzählen, daß John [Fisher] nach Genf fährt fährt zur Völkerbundstagung als Spezialberichterstatter für eine australische Zeitung ... Ich habe Pläne für ein neues Buch und eine neue Reise ... Wir sind alle sehr bedrückt wegen Spanien. Es wäre schrecklich, wenn dort die Reaktion siegen würde".

5) 18. August 1936. 1 1/2 S. masch. Brief mit Unterschrift "Egonek" und von Lyner "und Gisl", mit 4-zeiligem eigenhändigen Nachsatz von Kisch: "P.S. Du bist uns einen Brief schuldig, sehe ich gerade! Also schreib!". Ein Brief an Jarmila Haasová "... obwohl uns nicht zum Briefeschreiben zumute ist. Vor allem wegen Spanien, wo sich unser aller Schicksal entscheidet und von wo man noch nichts entscheidend Gutes zu hören bekommt ... Apropos: vor einigen Tagen waren einige Tschechen hier, die in der Nähe auf den Dünen in einem antifaschistischen Camp Sommerferien machten. Ganz junge Burschen, sie sprachen ganz begeistert von der Australienreise in der Tvorba, sie sagten, sie hätten nur deshalb jede Woche das Blatt gekauft ... Daß die A.I.Z. jetzt Volks-Illustrierte heißt, wirst Du schon wissen, außer dem Titel hat sich nichts geändert." Und privater von Gisela und Egonek: "Erinnerst Du Dich noch an den miesen Jack Lewi aus Holland, Mann der Maria Ballenberger, der in Berlin die miesesten Affären gehabt hat? Nina Kuh wird sich sicher an ihn erinnern. Lucie Lania erzählte, was für ein großer Mann er in London ist, englischer Staatsbürger, Korrespondent südafrikanischer Blätter mit einer Prachtwohnung, noblem Verkehr, und neulich hat er anlässlich der jüdischen Konfirmation seines Sohnes ein Bankett für 50 Personen gegeben etc. etc." – Mit vier Umschlägen, davon einer eigenhändig, drei maschinenschriftlich.

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