Los 3089

Kisch, Egon Erwin
(1885-1948)11 Briefe in deutscher Sprache, "Egonek"

Zuschlag
2.800€ (US$ 3,256)

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Aus dem Katalog
„Egon Erwin Kisch“
Auktionsdatum 13.10.2021

Lot 3089, Auction  118, Kisch, Egon Erwin, 11 Briefe in deutscher Sprache,  "Egonek"

"... meiner Ansicht nach ein großartiger Antinaziroman, der viel Aufsehen machen wird."

Kisch, Egon Erwin, und Gisela Lyner. 11 Briefe (9 maschinengeschriebene und 2 eigenhändige) in deutscher Sprache, mit Unterschrift "Egonek" bwz. "Gisl". Jeweils 27,5 x 21,5 cm. Mit 11 Kuverts. Versailles 1936-1937.
Haupt S. 195ff. – Umfangreiches Konvolut von acht veröffentlichten Briefen und einem unveröffentlichtem von Egon Erwin Kisch (1885-1948) und Gisela Lyner (1895-1962) aus Versailles an die gemeinsame Freundin und Übersetzerin Jarmila Haasová (1896-1890) in Prag. Nach der arbeitsreichen Sommerpause im belgischen Bredene verbrachte Kisch zusammen mit seiner Lebensgefährtin wieder in Versailles, in ihrer kleinen Wohnung in der Rue du Jeu de Paume 2, wo sie ihre Arbeit fortsetzten, aber offenbar auch immermehr vereinsamten und sich Sorgen über die immer schlechter werdende, sich zuspitzende Lage der Demokratien Europas machten. Die Angst um die Freiheit Spaniens vor der drohenden Diktatur schwebt 1936 über allem.

1) 16. September 1936. 2 S. dicht beschriebener eigenhändiger Brief von Egon Erwin Kisch und - ebenfalls eigenhändig - von Gisela Lyner. Kisch schreibt: "In den Abenteuern aus fünf Kontinenten scheint mir aber doch viel zuviel enthalten zu sein, was schon in anderen tschechischen Büchern drinsteht, Redl, Hopfenpflücker, Drina-Übergang etc. Und die Einleitung von Duško ist für Prag nicht ganz richtig, dort müßte man gegen die Totschweigetaktik polemisieren. Wenn Du das Buch machen willst, würde ich Dir Material für eine Einleitung schicken und auch eine afrikanische Sache, vielleicht Port Said, das ich auf meiner Australienreise berührt habe. Aber würden sie nicht China oder Asien als Buch nehmen?Jedenfalls sollen sie im gleichem Format und Satz wie die Pokrok-Bände drucken, damit sie die ganze Serie neu herausbringen können". Gemeint ist der Verlag der tschechischen Zeitschrift Pokrok (Fortschritt), die der Schriftsteller, Dichter und Verleger Václav Kaplický (1895-1982) herausgab. Der Duško ist der Schriftsteller Theodor Balk.

"Wenn Du Pasáci, pasáci machst, so schlage mir Änderungen vor ... In Rußland ist auch ein Sammelband von mir erschienen. Leta i Ljudi oder so." Bei Pasáci handelt es sich wohl um die Zuhältergeschichte aus Prag, die 1914 unter dem Titel Der Mädchenhirt erschien.

Lyner schreibt noch ausführlich mit Ergänzungen: "Egonek mußte auf einen Tag zum Kongreß, alle Leute, hunderte, hat er dort getroffen, nur den Nico [Rost] nicht ... In Spanien ist Richard Kisch, der Junge vom Daily Worker verwundet worden. In Moskau scheint man zu glauben, daß es Egonek ist...".

2) 23. September 1936. 2 masch. S. mit Unterschrift "Hubička! Dein alter Egonek" und 12-zeiliger eigenhändiger Nachschrift sowie einer masch. Beischrift von "Gisl". Intensive Arbeit an den tschechischen Ausgaben seiner Reportagen, die Jarmila Haasová übersetzte, aber auch redaktionell betreutet - bis hin zu der Auswahl der Reportagen, die für einen Band vorgesehen waren, wobei ihr Kisch weitgehend freie Hand lässt, aber Vorschläge macht:

"Mir wäre ja am liebsten gewesen, wenn Du einfach Eintritt verboten herausgegeben hättest, vermehrt um das Pariser Ghetto, Hitler-Brief und vielleicht noch etwas. Dann hätten wir den schlechten Afrika-Artikel vermieden und auch dem Australien-Buch nicht vorgegriffen ...War denn Lenins Zimmer noch in keinem tschechischen Buch? ... Eine zweite Lösung wäre, daß Du aus China und Asien einen Band machst, etwa unter dem Titel China und Sowjetasien. Durch dieses Buch würde sich ebenso wie durch Eintritt verboten die Einleitungsfrage erledigen ... Du fragst, wie Du Parchkopf übersetzten sollst? Das weiß ich nicht. Vielleicht läßt Du das deutsche Wort, erklärst ..." Gemeint ist Kischs Reportage Des Parchkopfs Zähmung aus dem Buch Geschichten aus sieben Ghettos, das 1934 bei Allert de Lange in Amsterdam erschienen war ... Den Namen Ellen würde ich lassen, die mährischen Juden geben ja so deutsche Namen, und in einer tschechischen Übersetzung wirkt das wie ein gerechter Angriff. - Hillelsgeduld ist eine Geduld wie die, die den Propheten Hillel ausgezeichnet hat." Und über die Besuche in Versailles: "auch Piscator war einmal hier, und man hat mir schon wieder Vorträge aufgehalst, obwohl ich auf den Knien gebeten habe, mich noch einen Monat in Frieden zu lassen."

3) 16. September 1936. 1 1/4 S. eigenhändiger Brief in flüchtiger kleiner Handschrift mit braunschwarzer Tinte und Unterschrift "Grüß den Duško herzlichst. Und sei selbst gegrüßt und geküsst von Deinem alten Egonek". Übersetzungsprobleme, die Kisch für Jarmila zu lösen sucht, ein eindrucksvolles Zeugnis, wie genau an jedem einzelnen Wort gefeilt wurde: "Aber es ist auch für mich schwer, bestimmte Wendungen gehören zu bestimmten Komplexen 'Felle wegschwimmen' z. B. zum Pelzhandel, 'Nabelschnur' zum Kabel, sonst ist die Sache fast unvollständig, - dort, wo der Ursprung einer abgebrauchten Metapher liegt, oder eine abgebrauchte Metapher einen neuen Sinn bekommt, muß man das sagen, auch wenn man sich wiederholt". Erwähnt werden Willy Haas, Leo Lania, Schörpner, Kostja Z. (wohl der Sohn von Clara Zetkin, lt. Haupt S. 201) etc. Mit ausführlicher eigenhändiger Beischrift von Gisela Lyner (16 Zeilen).

4) 29. Oktober 1936. 1 masch. S. mit Unterschrift "Egonek". "Begeistert, absolut begeistert bin ich über Dein Referat über die Töchter der Revolution. Ich war bei der Lektüre so gespannt und so gaufgeregt und so gerührt, als hätte ich den Film selbst gesehen ... Kostja Z[etkin] ist der einzige, der uns in dieser Zeit zweimal besucht hat ... Unser Telefon ist gestört, und so haben wir nicht einmal drahtliche Verbindung mit der Welt ...". Ausführlichst schreibt Lyner ihrer Freundin, u. a. "Ansonsten ist mir ziemlich mies, was aber nur mit der Weltlage zusammenhängt...".

5) 2. November 1936. 3/4 S. masch. Brief mit Unterschrift "Egonek Líbá Tě" (ich liebe Dich). Kisch präzisiert Passagen zur Übersetzung: "Erst nach dem Barbusse-Zitat etwas über den Geburtstag ... Die Freunde Egoneks, welche Namen: Romain Rolland, Maxim Gorki, Charlie Chaplin, André Gide, André Malraux, Upton Sinclair, Lion Feuchtwanger, ... Festnummer der Neuen Deutschen Blätter, der Internationalen Literatur, der Literaturnaja Gazeta. Die grosse Feier im der [sic] Salle de l'encouragement in Paris. Eine Kisch-Ausstellung in Moskau ...".

6) 9. November 1936. 1 1/3 masch. S. mit Unterschrift "Hubičku! Egonek". "Da dieser Idiot Schörpner über mich einen Artikel in unserem Blatt schreibt, ist wirklich schlimm. Aber man muß erst abwarten, was er da zusammengekleistert hat. Die Anekdoten über mich sind alle aus einer ganz anderen Zeit und haben mit meinem heutigen Ich gar nichts zu tun; es ist echt pragerisch, die Menschen immmer gleich zu sehen". Gemeint ist der Übersetzer und Schreiber František Schörpner (1904-1941). "In der Par[iser] Tageszeitung erschien der Roman von Irmgard Keun: Nach Mitternacht, meiner Ansicht nach ein großartiger Antinaziroman, der viel Aufsehen machen wird .. Das Buch erscheint bei Allert [sic] de Lange".

Verso 1/3 masch. S. von Gisela Lyner, die über die Einsamkeit und finanziellen Schwierigkeiten im Exil in Frankreich hinzufügt: "... mit Sehnsucht warte ich darauf, daß wir endlich mit dieser Hetzarbeit fertig werden ... Wir leben jetzt noch zurückgezogener und einsamer wie in Gent, wo wir keinen Menschen kannten: manchmal vergeht eine ganze Woche, ohne daß uns auch nur jemand anruft, oder wir jemanden, weil man ja auch mit dem Telefongeld sparen muß ... Gisl".

7) 14. November 1936. 1 masch. S. mit Unterschrift: "Egonek. Hubičku!" ("Ich küsse Dich!"): "Dein Artikel über Spanien fängt wieder so lokalnotizenhaft an, statt daß Du in einem Satz gesagt hättest: 'Spanien, Spanien, Spanien, das ist die Devise der denkenden Menschheit, das ist der Kampf zwischen Reaktion und Humanität, Spanien, Spanien, Spanien, daran denkt man bei Tag und wenn man einschläft' oder so etwas. Verstehst Du, was ich meine? Der erste Satz soll eine Sentenz enthalten."

8) 29. November und 30. November 1936. 1 masch. S. mit Unterschrift "Dein (hubičku) Egonek" und 1 masch. S. von "Gisl". Unveröffentlichter (nicht bei Haupt abgedruckter) sehr interessanter Brief über den Rechtsdruck der tschechischen Presse. "Hast Du gehört von der Richtungsänderung im Prager Tagbl.? Im Tage-Buch habe sie etwas aus den Druckbogen abgedruckt ... Auch in der Weltbühne war ein gekürztes Kapitel ... Was Du über das T.-B. [das Prager Tagblatt] schreibst, ist vollständig richtig, ich bin froh, dass ich Dir darüber nichts geschrieben habe, sonst hätte Bo. [wohl der befreundete Journalist und Kollege Joseph Bornstein; 1899-1952] geglaubt, dass ich Dich beeinflusse. Du bist aber von selbst auf den richtigen Standpunkt gekommen. Sie haben sich da wegen Morus in diese Position hineingeritten, sodass sie heute ein Organ gegen Hitler, gegen die Einheit der Emigration und gegen die S.U. sind, oder wie sie glauben, gegen Stalin, ohne daran zu denken, dass eine erschütterte Position der Regierung die ganze S.U. erschüttern müsste und Spanien] sofort kaputt ginge. Jetzt haben sie einen alten Artikel von Bernh. herausgegraben, zum Beweis, das er im Krieg für den deutschen Sieg war, was würden sie sagen, wenn man ihre alten Artikel heraussuchen würde! Mareu macht sich gross, dass er die Hinrichtung von André mit der Verhaftung von Radek in Zusammenhang gebracht und auch anderes Material über die Stalinverehrung dem T.-B. gesteckt hat. Du schreibst, dass Spann in Paris ist, aber niemand hat von ihm eine Spur gesehen oder gehört. Auch Ernst Popper soll hier soll hier sein, aber er hat sich bei mir nicht gemeldet und ich weiss auch nicht bestimmt, ob es wahr ist ..." Ausführliche Beischriften von Gisela Lyner.

9) 8. Dezember 1936.
1 1/3 masch. Brief mit Unterschrift "Hubičku! Egonek." und 2/3 masch. Beischrift von "Gisl". Ausführlich über die von Jarmila Haasová übersetzte und redaktionell betreute tschechische Ausgabe des Sammelbands Abenteuer in 5 Kontinenten, für die sie auch die Werbung organisierte: "Liebste Jarmila, das war eine Überraschung, nach so vielen Jahren wieder ein Buch von mir in Tschechisch ... Sag ihnen ... daß der Titel des Buches und der Name des Autors so groß sein müssen, daß jemand vor dem Schaufenster auf drei Meter Entfernung es lesen können muß, auch bei schlechtem Licht. Das ist das oberste Prinzip der Buchausstattung ... Die Kritik wird in einer miesen Lage sein. Einerseits reizt die Einleitung zum Widerspruch, andererseits werden sie sich fürchten, einen so gefeierten Mann zu beschimpfen..." Mit ausführlicher Schilderung der Aktivitäten (Louvre- und Kinobesuche in Paris) von Lyner.

10) 23. März 1937 und 30. April 1937. 2 unveröffentlichte masch. Briefe von Gisela Lyner, je 1 1/3 S. mit Unterschrift "Gisl". Sie schreibt an Jarmila Haasová und sorgt sich um Egonek, der noch in Prag geblieben war, wo Gisela und er das Frühjahr verbrachten: "Ich mache mir Sorgen, was mit ihm los ist, da Du auch noch schreibst, dass er noch nervöser ist als vorher ..." Sehr umfangreich, erwähnt Hanns Eisler, der anrief und sie besucht, Theodor Balk, ferner über trügerische Hoffnung in Spanien "Das einzig erfreuliche sind die guten Nachrichten aus S[anien]" – Mit 2 eigenhändigen adressierten Briefkuverts, alle mit interessanten Briefmarken.

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