Los 6020

Florentinisch
1680er Jahre. Der gekreuzigte Christus im Originaletui von Papst Innozenz XI.

Schätzung
60.000€ (US$ 58,824)

Abgabe von Vorgeboten möglich

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Aus dem Katalog
Gemälde Alter und Neuerer Meister; Skulpturen; Portraitminiaturen
Auktionsdatum 1.12.2022

Lot 6020, Auction  120, Florentinisch, 1680er Jahre. Der gekreuzigte Christus im Originaletui von Papst Innozenz XI.

1680er Jahre. Der gekreuzigte Christus im Originaletui von Papst Innozenz XI.
Elfenbein, geschnitzt. Höhe 36,2 cm, Breite 23,2 cm, Tiefe ca. 60 mm. Das Etui: Holz, Leder, Textil, Messing und mit drei beschriftete und bemalte Pergamentetiketten, das oberste u.a. bez. "CRUCIFIXO / Pontifici Innocenti / Episcopo animarum / Dei Imagini", das mittlere "Vicarius Innocentius XI. / Confixus", das untere mit der Darstellung einer knienden Figur vor einem Altar mit Kruzifix nebst Wappen von Past Innozenz XI. sowie den Bezeichnungen "Innocentius XI." und "Benedictus Odescalchi", auf den zwei oberen Etiketten weiterhin Verweise auf Bibelstellen aus den Apostelbriefen.

Das hier angebotene und bislang der Forschung unbekannt gebliebene Kruzifix ist zuallererst in seiner künstlerischen Qualität bemerkenswert. Geschildert wird der Gekreuzigte noch lebendig, mit geöffneten Augen und erhobenem Haupt, seinen Geist Gott dem Vater empfehlend, den Kopf leicht zur linken Schulter geneigt, den Mund geöffnet. Die genagelten Hände nicht schmerzhaft zusammengekrallt, die Zeigefinger stattdessen als Zeichen der nahenden Erlösung gen Himmel weisend. Zugleich ist die Skulptur von einer sinnlichen Schönheit, in der die Spuren des Leidens in den Hintergrund zu treten scheinen.
Es kann als seltener Glücksfall betrachtet werden, dass sich das passgenaue, originale Etui der Entstehungszeit erhalten hat. Lederetuis dieser Machart wurden vor allem im 17. und 18. Jahrhundert für besonders kostbare und fragile Schatzkunstwerke angefertigt, um sie auf Reisen zu schützen und bei dem strapaziösen Versand an fürstliche oder andere vornehme Auftraggeber oder Käufer vor Transportbeschädigungen zu bewahren. Das Grüne Gewölbe in Dresden besitzt eine einzigartige Sammlung an solch historischen Etuis, die mit etwas mehr als 300 erhaltenen Exemplaren zu den kostbarsten ihrer Art gehört. Wie dort besteht das hier vorliegende Etui aus einer zweiteiligen stabilen Grundform aus Holz, die außen mit Leder bezogen und innen ausgepolstert wurde. Der untere Teil ist mit schwarzbraunem Samt bezogen und am Rand mit einer textilen Bordüre besetzt. In der Mitte befindet sich eine Messingniete mit den Resten eines wohl ursprünglich zur Fixierung des Kruzifixes dienenden Bandes. Der Deckel ist mit rötlichem Rauleder ausgekleidet. Beide Teile werden mit, teils verlorenen, Haken und Ösen verbunden. Auf der Rückseite befinden sich zwei wahrscheinlich später angebrachte Halterungen aus Messing, mit denen das Etui senkrecht eingehängt werden kann. Auf der Oberseite des Etuis sind drei originale Pergamentetiketten aufgeleimt, die wichtige Informationen zur Provenienz des Kruzifixes bereithalten. Das oberste trägt die Inschrift „CRUCIFIXO / Pontifici Innocenti / Episcopo animarum / Dei Imagini“, rechts davon werden drei Bibelstellen aus den Apostelbriefen angegeben „Hebr, 7,26 / 1 Petr. 2,25 / 2 Cor. 4,4“. Auf dem mittleren Etikett ist vermerkt „Vicarius Innocentius XI. / Confixus“ sowie eine weitere Stelle aus den Apostelbriefen „Gal. 2,19“. Der dritte und größte Aufkleber zeigt die stark beriebene Darstellung einer vor einem Kruzifix knienden, betenden Figur in rotem Gewand. Das linke untere Viertel vereinnahmt das Wappen der Familie Odescalchi, bekrönt mit der Tiara. Links dieser Darstellung findet sich der Name des Papstes „Innocentius XI.“, rechts dessen Geburtsname „Benedictus Odescalchi“.
Der aus einer reichen Kaufmannsfamilie stammende und in Como geborene Benedetto Odescalchi (1611-1689) wurde am 21. September 1676 zum Papst gewählt. Der Kirchenstaat befand sich zu diesem Zeitpunkt mit Schulden von fast 50 Millionen Gulden am Rande des Staatsbankrotts. Odescalchi stand für eine völlige Neuausrichtung der Kirche. Als erster Papst verweigerte Innozenz XI. jegliche Form von Nepotismus. Mit rigoroser Sparpolitik, Eingriffen in die Zinspolitik, radikaler Reduktion der Hofhaltung und dem Verzicht auf prunkvolle Kirchenbauten gelang es ihm recht zügig, die Finanzen der Kurie wieder in Ordnung zu bringen. Bezeichnenderweise war seine einzige größere Baumaßnahme der Umbau des bis dahin reinen Repräsentationszwecken dienenden Lateranspalastes zu einem Spital. Damit beauftragte er den wohl bedeutendsten Künstler des römischen Barock, den inzwischen greisen Gianlorenzo Bernini. Von dessen Hand stammt bemerkenswerterweise eine berühmte Karikatur, in der der kränkliche Papst wie ein scheinbar ausgemergeltes Rieseninsekt von seinem Bett aus Anweisungen erteilt. Insgesamt war Innozenz XI. an der Förderung der Künste wohl eher nicht interessiert. Dieser sittenstrenge und asketische Papst, der jahrelang dieselbe zerschlissene Soutane trug, empfand alles Künstlerische sogar als anstößig (vgl. hierzu: Volker Reinhardt, Pontifex. Die Geschichte der Päpste. Von Petrus bis Franziskus, München 2017, S. 655ff.). Vor diesem Hintergrund erscheint es eher unwahrscheinlich, dass er selbst unser Kruzifix in Auftrag gab.
Es verbleibt der stilistische Blick: der unversehrte, noch von keiner blutenden Seitenwunde gezeichnete Körper folgt dem durch den römischen Bildhauer Alessandro Algardi (1595-1654) nachhaltig geprägten Cristo vivo-Typus. Dieser zeigt den Gekreuzigten in beinah physisch spürbarer, schmerzhafter Dehnung, mit dicht genagelten Füßen, leicht nach innen gedrehten Oberschenkeln und zumeist mit zur Seite flatterndem Lendentuch. In dieser Haltung war kein Winden im Schmerz möglich, und die Marter ließ sich allein über Körperdehnung, Kopfhaltung und Zeichnung des Gesichts ausdrücken (vgl. Jutta Kappel, Elfenbeinkunst im Grünen Gewölbe zu Dresden. Geschichte einer Sammlung. Wissenschaftlicher Bestandskatalog - Statuetten, Figurengruppen, Reliefs, Gefäße, Varia, Dresden 2017, Kat.-Nr. I.13, IV.3, V.25).
Bei unserem Kruzifix hingegen ist das Lendentuch in eng gesetzten Faltenstegen dynamisch drapiert, bleibt der Hüftlinie hingegen nah. Stilistisch führt uns der Weg eher in die 1680er Jahre nach Florenz, wo das Motiv des Cristo vivo zunehmend an Beliebtheit gewann. Die beiden bedeutendsten Bildhauer, die in jenen Jahren am Hof der Medici arbeiten, sind der Florentiner Giovanni Battista Foggini (1652-1725), dem 1687 die Leitung der großherzoglichen Bildhauer-Werkstatt übertragen wird, und der in Kammer bei Traunstein geborene Balthasar Permoser (1651-1732). Dieser hielt sich ab 1676 zunächst in Rom auf, wo er sicherlich ausgiebig die Werke Berninis und Alessandro Algardis (1598-1654) studierte, und war spätestens ab Juni 1682 bis 1690 in Florenz tätig. Während Foggini ausschließlich in Marmor und Bronze, gelegentlich auch in Terrakotta und Silber arbeitet, ist Permoser nicht nur „der bedeutendste Elfenbeinbildhauer, der jemals in den Diensten der Medici stand“, sondern „überdies […] der einzige in diesem Werkstoff arbeitende Künstler, der sich über mehrere Jahre hinweg am mediceischen Hofe in Florenz aufhielt.“ (Eike Schmidt, Das Elfenbein der Medici: Bildhauerarbeiten für den Florentiner Hof […], München 2012, S. 203). Damals restauriert Permoser für die Großherzogin Vittoria della Rovere ein Elfenbeinkruzifix, wohl von der Hand des Leonhard Kern. Eike Schmidt erwähnt zudem einen an der Accademia del Disegno aufgefundenen Brief vom 30. Oktober 1682, der zeigt, dass Permoser nicht nur als Restaurator, sondern auch als eigenständiger Künstler von herausragenden Kollegen gefragt war. Verfasst wurde dieser Brief von Baldassarre Franceschini, genannt il Volterrano (1611-1689), einem der wichtigsten Florentiner Maler der Zeit. Er insistiert darin gegenüber der Florentiner Künstlerakademie, dass Permoser „ein von ihm bestelltes Kruzifix nicht anderweitig veräußere, sondern in seiner Werkstatt behalte, da er das Geld zur Bezahlung des Werkes bereit habe“ (Schmidt, op.cit., S. 208). Das Material ist im Brief nicht angegeben, Schmidt vermutet aber das für das Sujet gängigste Material, nämlich Holz. Des weiteren schreibt Schmidt: „Ob im Falle der Uneinigkeit mit Volterrano ein anderer potentieller Kunde das Kruzifix bei einem Werkstattbesuch erblickte und Permoser eine höhere Summe dafür bot, als der Maler mit ihm ausgehandelt hatte, oder ob Volterrano bei der Zahlung in Verzug geriet und Permoser ihm deswegen womöglich drohte, den Gekreuzigten anderweitig zu veräußern, ist unbekannt.“ (Schmidt, ebd.). Hier drängt sich der verführerische Gedanke auf, dass es sich bei dem bestellten Kreuz nicht um ein Holzkreuz handelt, sondern um eines aus Elfenbein. Und auch eine weitere Hypothese klingt verlockend: Papst Innozenz XI. versucht die katholischen Fürsten Europas für eine Heilige Liga zum Kampf gegen die Osmanen zu gewinnen. Im März 1683 gelingt es ihm schließlich, den polnischen König Jan Sobieski und Kaiser Leopold I. zu einem Bündnis zu überreden. Innozenz unterstützt die antitürkische Allianz und den Kampf gegen die zum zweiten Mal gegen Wien vorrückenden Osmanen mit mehr als 2 Millionen Dukaten. So gelingt am 12. September 1683 die Befreiung Wien. Das osmanische Heer wird vernichtend geschlagen und weit nach Ungarn zurückgedrängt. Sein Einsatz bei der Türkenabwehr bringt ihm später durch Historiker den Beinamen „Verteidiger des christlichen Abendlandes“ ein. Könnte es sein, dass Großherzog Cosimo III. oder seine Gattin Vittoria della Rovere, möglicherweise aber auch Kaiser Leopold I. über deren Vermittlung das von Volterrano bestellte Kreuz erwerben, ein Etui anfertigen lassen, und dieses dem Papst als Dank für die abgewendete Gefahr schenken?
Klarheit hingegen besteht über die Wege des Kruzifixes Anfang des 19. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt ein dem angebotenen Objekt beiliegender Verkaufsbeleg aus der Oberpfalz vom 27. März 1818, unterzeichnet von den beiden Töchtern des Verkäufers Christoph von Pizelli zu Reichenau. Das Elfenbein wurde für 82 Gulden an den königlichen Rentbeamten Meixner zu Leuchtenberg verkauft. Es erscheint möglich, dass das Stück aus Not von der Familie verkauft werden musste, um Behandlungskosten begleichen zu können (Christoph Pizelli soll, einem Hinweis aus dem Jahr 1838 folgend, „wahnsinnig“ geworden sein). Eine Verbindung der Familien Odescalchi und Pizelli findet sich Ende des 18. Jahrhunderts: Baldassare d’Erba Odescalchi (1748-1810), Duca di Ceri, als Sohn von Livio Erba Fürst Odescalchi (1725-1805) in Rom geboren, widmete mehrere Gedichte und Canzone einer Maria Cuccovilla Pizzelli (1735-1807). Hier erwähnt seien die 1810 in Rom in seinen „Poesie profane e sacre“ erschienenen Gedichte „Compiendo L’Anno dalla morte della Sig. Maria Pizzelli“ (S.64-68), sowie „L’Estate alla Signora Maria Pizzelli (S.113-127). In Maria Pizzellis bürgerlichem Salon in Rom verkehrten u. a. Angelika Kauffmann und Goethe. Hier tut sich eine mögliche Verbindung von Rom zur Oberpfalz auf.

Wir bedanken uns bei Dr. Jutta Kappel, Dresden, für die wissenschaftliche Beratung und bei Michael Streckfuß, Berlin, für die Begutachtung des Materials.

Zu diesem Objekt liegt eine auf beiden Gutachten basierende Handelsgenehmigung der Berliner Senatsverwaltung vor.

Provenienz: Papst Innozenz XI. (Benedetto Odescalchi 1611-1689, vgl. Pergamentetikette auf dem Etui).
Christoph von Pizelli zu Reichenau.
1818 durch seine Töchter Margarethe und Anna verkauft an den Rentbeamten Meixner zu Leuchtenberg (originaler Rechnungsbucheintrag vorhanden).
Zuletzt Privatsammlung Süddeutschland.

Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist.


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