Los 6788

Rops, Félicien
(1833 Namur - 1898 Essones bei Nantes)À un dîner d’athées (Das Dinner der Atheisten)

Ergebnis
86.100€ (US$ 98,966) *

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Aus dem Katalog
Zeichnungen des 15. bis 19. Jahrhunderts
Auktionsdatum 11. Juni 2021

Lot 6788, Auction  117, Rops, Félicien, À un dîner d’athées (Das Dinner der Atheisten)

Fernand Khnopff hing an öffentlichen Wänden und Félicien Rops lag in heimlichen Mappen.
Ludwig Hevesi, Österreichische Kunst des 19. Jahrhunderts, Bd. II, 1903, S. 291

À un dîner d’athées (Das Dinner der Atheisten).
Graphit, Bleistift und braune Kreide, teils gewischt, ausradiert und gekratzt, auf weiß grundiertem Papier, aufgezogen. 24,6 x 16,8 cm (Darstellung); 30,5 x 22,1 cm (Blattgröße). Unten links signiert und eigenh. bezeichnet "F. Rops / 1er dessin" sowie oben links betitelt "A UN DINER D'ATHÉES", weitere Bleistiftannotationen im weißen Rand, verso auf der Rahmenabdeckung mit zahlreichen Ausstellungsetiketten. Um 1883-85.

Vorliegendes Blatt gehört zu der bedeutenden Gruppe von Zeichnungen, die der belgische Künstler Félicien Rops ab etwa 1883 für die Kurzgeschichtensammlung Les Diaboliques von Jules Barbey d'Aurevilly (1808-1889) schuf. Das sechs Novellen umfassende Buch wurde erstmals 1874 in Paris veröffentlicht. Kaum einen Monat nach dem Erscheinen fielen die vermeintlich frevelhaften Geschichten über liederliche Frauen, Rache und gewaltsamen Tod jedoch der Zensurbehörde zum Opfer und Barbey musste sich dafür gerichtlich verantworten. Erst 1882 konnte eine zweite Auflage durch den Pariser Verleger Alphonse Lemerre in Umlauf gebracht werden. Die Illustrationen von Félicien Rops erschienen spätestens 1886 als separates Mappenwerk unter dem Titel Dix eaux-fortes pour illustrer Les Diaboliques de J. Barbey d’Aurevilly. Die Mappe setzte sich aus zehn Heliogravüren zusammen - genauer einem Frontispiz, sechs Darstellungen zu den sechs Novellen, zwei Versionen einer Schlusstafel, sämtlich nach Zeichnungen von Rops, sowie einem Porträt des Autors von Paul Rajon (für „À un dîner d’athées“ vgl. Ottokar Mascha: Félicien Rops und sein Werk, München 1910, Nr. 853). Der Erfolg, der der Publikation beschieden war, war enorm und durchaus überraschend, denn das Œuvre von Rops war aufgrund von Obszönitätsvorwürfen damals kaum öffentlich sichtbar.
Doch die Wirkung des miniaturhaften Formats überzeugte Rops nicht. Im April 1886 schrieb er dazu enttäuscht in einem Brief "Les petites planches ne disent rien". Und so überarbeitete er die Kompositionen und überführte sie in ein größeres Format. Zwischen 1887 und 1893 entstanden in Zusammenarbeit mit seinem Freund Armand Rassenfosse neun Weichgrundradierungen, in der Literatur gemeinhin als "große Platten" bezeichnet (für "À un dîner d’athées" vgl. Mascha 1910, Nr. 854).
Die Drucke für Les Diaboliques bereitete der Künstler durch Zeichnungen vor. Sowohl in technischer als auch künstlerischer Hinsicht gehören sie zum Besten, was Rops geschaffen hat und zählen völlig zu Recht zu den Schlüsselbildern des europäischen Symbolismus. Dabei handelte es sich um weit mehr als bloße Illustrationen. Rops nahm die düsteren Texte von Barbey zwar als Ausgangspunkt, entwickelte jedoch eigenständige Bildideen von großer suggestiver Kraft. Die Motive erarbeitete er meist in mehreren Zeichnungen. Auch vom Atheistendinner gibt es insgesamt drei Varianten, wobei die Bezeichnung "1er dessin" auf unserem Blatt verrät, dass hier der früheste Entwurf vorliegt. Mit scheinbar müheloser Souveränität kombiniert Rops auf dem Blatt eine subtile Vielfalt an zeichnerischen Ausdrucksmitteln. Im lebendigen Helldunkelkontrast und in der Weichheit der Übergänge zeigt sich seine nahezu alchemistische Könnerschaft im Umgang mit dem Clair-Obscur. Hauchfeine Linien, manchmal nur leicht in das Papier geritzt, ergänzen, wo notwendig, das Sfumato und geben den Volumen greifbare Form. Als direkte Vorlage für die Heliogravüre diente jedoch eine zweite, heute im Privatbesitz befindliche Zeichnung (ehem. Slg. Carlo de Poortere). Beim Vergleichen der beiden Blätter wird deutlich, dass sich Rops gegen die weichere, lichtmäßig delikatere Ausarbeitung entschied und vermutlich in Hinblick auf die gedruckte Umsetzung die Linien akzentuierte und Schatten betonte. Ein drittes, unfertig gebliebenes Blatt aus der Sammlung von Paulette Rops (vgl. Christie's, London, Auktion am 18. November 1994, Los 106) studiert die Helldunkelverteilung im Bildraum und belegt, dass Rops sich intensiv mit diesem Aspekt auseinandersetzte. Weitere Zeichnungen zu Les Diaboliques befinden sich heute u.a. im Musée d'Orsay (vgl. Inv.Nrn. RF 29876, RF 29875 und RF 40087) und dem Art Institute Chicago (Inv.nr. 1998.75).
Den Rahmen für das Geschehen unseres Blattes bildet in der Novelle À un dîner d’athées die abendliche Zusammenkunft einer Gruppe von hartgesottenen Antiklerikalen und abtrünnigen Priestern. Unter ihnen der bekennende Atheist Mesnilgrand, der von einem der Tischgäste zuvor in einer Kirche beobachtet wurde. Um Erklärung bemüht, schildert er zur Rechtfertigung seine Verstrickung in eine furchtbare Geschichte von Ehebruch, Eifersucht und Rache (vgl. Jules Barbey d’Aurevilly: Les Diaboliques, Paris 1883, S. 303-401). Rops hält sich allerdings nur lose an die Erzählung. Vielmehr evoziert er die unheilvolle Atmosphäre von Sakrileg und Gewalt, die den Text durchdringt. Die wenigen Details - eine aus den Angeln gehobene Tür, ein vage angedeuteter Raum, die hell brennende Kerze und natürlich der nackte Frauenleib auf dem Tisch mit der darunterliegenden Leiche eines Nebenbuhlers - verdichten sich zu vieldeutigen Anhaltspunkten. Davon ausgehend ist es der Fantasie überlassen, das Vorgefallene zu rekonstruieren.
Diese Unbestimmtheit lud auch noch im 20. Jahrhundert Künstler zur Interpretation des Werks ein. Max Beckmann etwa ließ sich 1945 davon zur aquarellierten Federzeichnung "Der Mord" (Privatbesitz) inspirieren. Von Rops übernahm Beckmann die wesentlichen Bildelemente, legte die Szene jedoch offensichtlich als Tatort aus, indem er den Mord an der Frau durch einen tiefen Schnitt in ihrer Kehle konkretisierte.
Über die unglückliche Protagonistin heißt es in Barbeys Erzählung: „[Sie] war keusch wie sie wollüstig war und das Außerordentliche daran, sie war beides gleichzeitig.“ (op.cit., S. 372). Dieser angeborenen, unaufhaltsamen Wollust, die damals nur Laster und Unglück bedeuten konnte, verleiht Rops mit dem sinnlich verrenkten, wie hingeworfenen Körper eine beinahe physische Präsenz von magnetischer Anziehungskraft. Während die alabasterne Haut, ihr halboffener Mund, der über den Tischrand hängende Kopf mit den hinabfallenden Haaren den Anschein von Leblosigkeit erwecken, sprechen die angespannten Beine und die Hand zwischen den Schenkeln eine ganz andere Sprache. Dabei nimmt Rops nicht die Haltung eines verurteilenden Sittenrichters ein, sondern setzt den unausweichlichen Folgen von moralischer Rigidität und Uneinsichtigkeit ein künstlerisch superbes Denkmal. In einer Zeichnung voll Schönheit, Dekadenz, Lasterhaftigkeit und Erotik zeichnet er das Porträt seiner Epoche und kämpft damit gleichsam gegen die Bigotterie der Bourgeoisie und des Klerus.

Provenienz: Maurice Pereire, Paris (Lugt 3509).
Jacques Odry, Brüssel (Lugt 3486).
Carlo de Poortere, Kortijk und Coutrai (vgl. Ausstellungsetikett).
Galerie Patrick Derom, Brüssel (vgl. Ausstellungsetikett).
Belgische Privatsammlung (vom obigen 1999 erworben).
Sotheby's, London, Auktion am 10. Dezember 2014, Los 61.
Seither in Privatbesitz.

Ausstellung: VIe Exposition des XX, Ancien Musée de Peinture, Brüssel 1889.
Félicien Rops, Musée d'Ixelles, Brüssel 1969, Kat. 150 (mit Abb.).
Félicien Rops, Musée des Beaux-Arts, Namur 1971.
Félicien Rops, Opera Prohibita, Casino, Ostende 1971.
Peintres de l'imaginaire. Symbolistes et surréalistes belges, Galeries Nationales du Grand Palais, Paris 1972.
Le Symbolisme en Belgique - Het symbolisme in België, Casino, Knokke-Heist 1974 (vgl. Ausstellungsetikett).
Painters of the Mind’s Eye, Belgian Symbolists and Surrealists, The New York Cultural Center; Houston, Museum of Fine Arts1974 (vgl. Ausstellungsetikett).
Le Symbolisme en Europe, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam; Musées royaux des Beaux-Arts, Brüssel; Staatliche Kunsthalle, Baden-Baden; Grand Palais, Paris, 1975-76, Kat. 197c (mit Abb.).
Belgian Art: 1880-1914, The Brooklyn Museum, New York 1980, Kat. 81 (mit Abb.).
Aspecten van het symbolisme: tekeningen en pastels, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen 1985, Kat. 4.
Félicien Rops 1833-1898, Le Botanique und Musées royaux des Beaux-Arts, Brüssel; Musée des Arts Décoratifs, Paris; Musée des Beaux-Arts Jules Chéret, Nizza, 1985, Kat. 175 (mit Abb.).
Open Mind, Gesloten Circuits, Museum Van Hedendaagse Kunst, gent 1989 (vgl. Ausstellungsetikett).
Félicien Rops: Rops suis, aultre ne veulx estre, Maison de la Culture, Namur 1998, Kat. 161 (mit Abb.).

Literatur: Robert Delevoy, Gilbert Lascault u.a.: Félicien Rops, Brüssel 1985, S. 197 (mit Abb., "1879" datiert).

Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist.

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