Los 2517

Lechter, Melchior
Sammlung von 19 Briefen und Postkarten

Schätzung
6.000€ (US$ 6,667)

Abgabe von Vorgeboten möglich

Los 2517 - Lechter, Melchior - Sammlung von 19 Briefen und Postkarten - 0 - thumb

Aus dem Katalog
Literatur und Autographen
Auktionsdatum 7.10.2020

Lot 2517, Auction  116, Lechter, Melchior, Sammlung von 19 Briefen und Postkarten

"in einer bildermüden Zeit"
George-Kreis. - Lechter, Melchior, Maler, Graphiker, Schrift- und Buchkünstler, als Angehöriger des George-Kreises prägte er dessen Veröffentlichungen (1865-1937). Sammlung von 13 eigh. Briefen mit Umschlägen, 6 eigh. Postkarten und 1 Telegramm. Zus. ca. 72 S. Alle Briefe gr. 4to. Berlin, Bayreuth, Rewahl, Münster u. a. 1933-1937.
An das ihm befreundete Ehepaar Dr. Gerbrand und Ellen Dekker in Meilen bei Zürich. Umfang- und inhaltsreiche Briefreihe, die über Reiseberichte, Erlebnisse und äußere Befindlichkeit hinausgeht, weil Lechter in den Briefpartnern Geistesverwandte fand, denen er in ausführlichen, teils 6-8 Großquart-Seiten umfassenden Schilderungen nicht nur seine Tätigkeit, sondern auch sein Denken und Empfinden offenbart. Die Freundschaft war von Karl Wolfskehl vermittelt worden. Dieser und dann auch mit ihm Melchior Lechter waren mehrmals zu Gast im Hause der Dekkers, und der Künstler fand in ihnen geeignete Partner, um die Gedanken und Probleme seiner Alterssituation offen auszusprechen.
Am 17. August 1933 berichtet er von den Bayreuther Festspielen: "... Gestern bei glühender Hitze mein erster 'Parsifal' unter Richard Strauss. Im Theater wunderbare Kühle. Der Platz in der ersten Reihe Mitte ausgezeichnet. Es war eine glänzende, vornehme Aufführung bis in's feinste ausgeglichen. Eva Wagner meinte zu mir: 'Möge uns Gott immer solche würdige Aufführungen erhalten wie diese ist.' Viel Ausländer! Schöne Frauen, Mädchen. Bedeutende Köpfe. Bis zum Schluss ist das Theater ausverkauft ...". Zurück in Berlin, schreibt er am 17. Oktober 1933: "... Übrigens, woher wissen Sie, dass ich am 2. Octb., dass ich überhaupt geboren bin, es wäre ja nicht ganz unmöglich, dass ich nur ein sogenanntes Scheindasein führe?" Klagt über Krankheiten und Zahnarztkosten: "... Oft zum Verzweifeln, wenn alle Mittel versagten - und nun hier in der Berliner 'Hölle' ... wie lastet alles auf mir, auf meinem Herzen (mit dem steht es überhaupt schlimm). Und dann die Zähne ... der Spass soll nur 1000 Mk kosten! ... Ein Vermögen und zudem in einer bildermüden Zeit, wo niemand mehr ein Bild kauft und aufhängt; das wäre doch ein längst als unsachlich verschrieener, romantischer Zustand. Gott behüte! Mögen die Malers-Leute nur als überflüssiges Gesindel alle verrecken; dies ist noch das ratsamste sich zu empfehlen [verursacht einen Tintenfleck, den er dekorativ verziert] Sehen Sie, da machte ich aus purer Nervosität (mir perlt in der kühlen Werkstatt der Schweiss auf der Stirn und der ganze Rücken ist vor Herzbeschwerden feucht) einen tüchtigen Tinten-Klecks. Verzeihen Sie; ich suchte ihn nach Möglichkeit in etwas Gewolltes, Organisches umzuwandeln. Ob es gelang? Von Karl [Wolfskehl] hörte ich nichts mehr, seit er uns verliess, aber ML ist genau so schuldig, vielleicht noch mehr wie K. W. ... Wenn Sie wüssten, was alles inzwischen innerlich mit mir vorging, wie ich seelisch litt, Sie würden mein Schweigen begreifen. Oft denke ich, wenn ich die Nächte vor Herzerregung wachliege, und sich alles riesenhaft auftürmt, ich mache es nicht mehr lange. Mir erscheint alles zu schwarz, zu hoffnungslos traurig. Man wird immer einsamer, schliesslich ist man ganz allein und atmet vergessen still sein diesmaliges Leben aus ... Bedauerlich ist, dass wir damals nicht gemeinsam allabendlich die Lectüre von Meyrincks 'Engel vom westlichen Fenster' (an einem Abend im Beisein Karls begonnen) fortsetzten und beendeten! Das wäre etwas gewesen, geworden; ich meine, die sich daran geknüpften Gespräche hätten vieles zeitigen können, was sonst nicht lebendig wurde ... Denn dieser bedeutendste occulte Roman, der sich auf seinen letzten Seiten sogar bis zu hoher Mystik erhebt, ist nicht er-lesen (im Sinne von an-gelesen) sondern erlebt und erlitten. Wer dieses Buch langsam vor- und nachdenklich ... zu lesen versteht, ... dem muss es um seine Sicherheiten hier recht bedenklich werden. 'Dämmernd ist um uns der hellste Tag.' Und wahrhaftig: so taumeln wir dunklen Wesen denn von Traum zur Enttäuschung - und von Enttäuschung zum Traum ...".
In den folgenden Briefen und Karten empfiehlt er Bücher und einen eigenen Rundfunk-Vortrag, und am 18. März 1934 kündigt er eine Melchior-Lechter-Ausstellung an: "... Am 6. Mai wird in der 'Galerie Gurlitt' hier, eine grosse ML-Ausstellung Sonntags eröffnet, verbunden mit einer Gedächtnis-Ausstellung für St. George. In letzterer werden sämtliche erreichbaren Originale (Zeichnungen) die ich für die Gestaltung der Erst-Ausgaben G.'scher Werke schuf - u. die Werke selbst unter Vitrinen zu sehen sein, dazu eine Anzahl Handschriften im Original von Gedichten St. G.s, teilweise in ersten Fassungen. Möglich wäre es, dass als 'Clou' auch sich noch das 'Glasgemälde Triptychon für das Sanctuarium einer Dame' dazu gesellte, welches sich in Dresden im Privat-Besitz befindet ... Ich glaube, die Ausstellung wird an die 150 Werke von der Hand ML's umfassen ...". Spricht dann von der Arbeit an einem neuen großen Werk. Aus Münster meldet er am 6. Juli 1934: "Hier habe ich viel wegen meines künstlerischen Nachlasses mit den Behörden zu erledigen. Man muss zeitig sein Haus bestellen ehe es zu spät ist." Am 29. August 1934 berichtet er von der anstrengenden Reise vom Ostseebad Rewahl zu den Bayreuther Festspielen, die für ihn diesmal eine große Enttäuschung waren: "... Wie hatte ich mich z. B. auf den 'neu-inscenierten Parsifal' von Roller gefreut! Und wie bitter musste ich enttäuscht werden. Ja, das Werk war mir völlig entzaubert ... Diese Menschen (ich meine die Maler, Preetorius und Konsorten) können nichts mehr. Sie wissen kaum, wie ein Baum, ein Fels, eine beblümte Aue ausschaut. Und dann diese Regie-Verstösse auf Schritt und Tritt ... Mir tut es um den 'Parsifal' bitter weh. Ein Werk, selten, eminent, von dem Otto Weininger in seinem genialen, aber schrecklichen Buche sagt: Die Parsifal-Dichtung sei die tiefste der ganzen Welt-Literatur. Ein Jude würde sie niemals begreifen können. (Weininger war rein-semitisch, am Tage seiner Doktor-Dissertation trat er zum Christentum über und in Beethovens Sterbehause erschoss er sich im 23. Lebens-Jahre ...". Zeigt sich ergriffen von einem Vortrag über Richard Wagner, den er in Bayreuth hörte. - Viele Themen füllen die weiteren Briefe und Karten, darunter der Buddhismus und die Ostasien-Reise Dekkers, zu der Lechter Ratschläge erteilt und umfangreiche Kommentare aufgrund der von dort eintreffenden Briefe gibt. Berichte über Arbeiten und neue Erfolge wechseln mit philosophischen Betrachtungen und Klagen über Alter und Einsamkeit. Aber das Interesse an Leben und Schaffen bleibt Melchior Lechter erkennbar bis zuletzt erhalten, und so gehört das vorliegende reichhaltige Briefwerk zu den wertvollsten Quellen über die späten Jahre des faszinierenden Künstlers, von dem ein Gemälde kürzlich auf einer Züricher Auktion mehr als 100.000 Schweizer Franken erzielte.


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