Los 2635

Stammbuch
eines Jenaer Studenten. Reich illustriert. 1773-1786

Schätzung
6.000€ (US$ 6,897)

Abgabe von Vorgeboten möglich

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Aus dem Katalog
Autographen
Auktionsdatum 7.10.2026

Aus dem Katalog
Wertvolle Bücher, Dekorative Graphik und Autographen
Auktionsdatum 6. – 8. Oktober 2026

Lot 2635, Auction  128, Stammbuch, eines Jenaer Studenten. Reich illustriert. 1773-1786

Mit Eintrag von Carl Philipp Moritz
Stammbuch eines Jenaer Studenten namens Riemschneider. Ca. 233 Bl., davon ca. 334 S. beschrieben oder illustriert. Mit 20 Gouachen und Aquarellen sowie 4 Federzeichnungen und Grisaillen. Brauner Lederband d. Z. (stärker berieben und bestoßen) mit Resten von vergoldeten Schmuck-Bordüren auf beiden Deckeln. 1773-1786.
Zweiteiliges, außergewöhnlich umfangreiches und prachtvoll illustriertes Stammbuch, das in den Universitätsstädten Jena und Wittenberg reichhaltig gefüllt wurde.
Der erste Teil ist von 1773 bis 1776 fast ausschließlich in Jena geführt, mit einigen Abstechern nach Leipzig. Dann folgen 8 Blatt Gesamt-Register, und es beginnt der zweite Teil mit dem Jahr 1777, der bis zum Jahr 1786 reicht und annähernd vollständig in Wittenberg spielt, 1786 schließlich auch in Nordhausen. Die Beiträger sind größtenteils Kommilitonen, vor allem Jura- und Medizin-Studenten, die wie gewöhnlich ihre Herkunft und oft auch ihr Studienfach angeben. Der heute weitaus prominenteste der damaligen Beiträger ist der vielseitige Schriftsteller und Freund Goethes, Carl Philipp Moritz, Verfasser des "Anton Reiser", der sich 1776 in Erfurt für ein Theologiestudium eingeschrieben hatte, sich am 17. Januar 1778 in Wittenberg in vorliegendes Album einträgt und in demselben Jahr nach Berlin überwechselt, wo er Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster wird. Moritz schreibt: "Wir wollen die Sorgen des Lebens vertrinken, und nicht durch schwermüthige Gedanken an die Tage der Zukunft uns eine frohe Gegenwart verbittern." Autographen von Carl Philipp Moritz sind von größter Seltenheit. - Ein anderer Beiträger aus dem Goethekreis ist der berühmte Silhouetteur Johann Friedrich Anthing, dessen Sammlung auch ein Goetheporträt enthält (Jena 25. Okt. 1774). - Eine weitere Persönlichkeit aus dem Goethekreis trägt sich am 26. Februar 1774 in Jena ein, der Mineraloge Johann Carl Wilhelm Voigt, der von Goethe zum Bergrat und Leiter der Ilmenauer Bergwerke ernannt wurde. Ein G. P. H. Lenz (Jena 1774) könnte der gleichnamige berüchtigte Alchimist sein.

Den Hauptreiz des Albums bilden 11 ganzseitige, bildmäßig in kräftigen Farben ausgeführte Veduten mit vielfältiger Staffage von Studenten und anderen Bürgern, davon vier mit vielfigurigen Spielen und Feiern der akademischen Jugend auf öffentlichen Plätzen, teils höchst romantisch bei Mondschein. Die Bilder sind vom Künstler meist zierlich bezeichnet oder kommentiert, so dass sie auch topographisch-ortsgeschichtlich von hohem Wert sind. Gezeigt werden Ketschau; Jena (mit Studentenspiel bei Tage); Jena vor der Stadt (mit Studenten, die flotte Sprüche von sich geben); Zwetzen; Borstendorf; Jena (nächtliches Studentenspiel, bezeichnet "Die lustige Schnurren Bataille wegen auslöschung des Feuers bey der Fidelitet"); Jena (Gesamt-Ansicht "von Mitternacht" mit Lobeda und Leuchtenburg im Hintergrund); Landhäuser in der Umgebung von Jena; Dorndorf mit Dornburg; nächtliches Studentenspiel ("Creirung des Burgau-Müllers") und die Rasenmühle bei Jena. Ferner hübsche häusliche Szenen, mehrere Szenen mit Soldaten (ein Reiter rettet [?] eine Frau von ihrem sich aufbäumenden Pferd) und ein Quodlibet mit illustrierten Spielkarten. Ein Medizinstudent Johann Friedrich Christian Eggert zeichnet 1773 in professioneller Qualität ein zweifarbiges Bild mit einem jungen Mann, der erschrickt, als ihm ein geflügelter Amor ein neugeborenes Baby zeigt, dessen Mutter im Hintergund um die Ecke schaut. Dazu der Spruch: "Kein Degen, kein Pedell, kein Wetter, Sturm noch Wind, / Schreckt einen Purschen so, als nur ein Jungfern-Kind." Eine andere Tafel zeigt einen Jura-Studenten in seinem Zimmer beim Studium gewichtiger Werke. - Stärkere Gebrauchsspuren: das hintere Innengelenk geplatzt; es fehlt Bl. 1 und vielleicht einige weitere Blätter (die handschriftl. Paginierung ist lücken- und fehlerhaft), das Schlußblatt lose und defekt, die schönen Veduten teils etwas beschabt (eine mit stärkerem Farbverlust), eine Tafel beschädigt und alt repariert, vor allem im ersten Teil reichliche Fingerspuren. - Trotz dieser Erhaltungsmängel ein kostbares Stammbuch aus der literarischen Epoche des Sturm und Drang, das nicht nur ausnehmend interessante Illustrationen enthält, sondern auch mit dem Eintrag von Carl Philipp Moritz eines der seltensten Autographen der deutschen Klassik.


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