Los 2620

Hesse, Hermann
(1877-1962)14 Briefe u. 1 signiertes Porträt.1928-1934

Schätzung
7.500€ (US$ 8,621)

Abgabe von Vorgeboten möglich

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Aus dem Katalog
Autographen
Auktionsdatum 7.10.2026

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Wertvolle Bücher, Dekorative Graphik und Autographen
Auktionsdatum 6. – 8. Oktober 2026

Lot 2620, Auction  128, Hesse, Hermann, 14 Briefe u. 1 signiertes Porträt.1928-1934

"das Malen meiner kleinen Bildchen"
Hesse, Hermann, Dichter, Schriftsteller und Zeichner, Nobelpreisträger (1877-1962). Sammlung von 14 Briefen und 1 Porträtfoto-Postkarte, davon 13 Briefe maschinenschriftlich, 1 Brief und die Porträtkarte eigenhändig. Zus. ca. 20 S. Mit 1 Orig.-Federzeichnung und 1 Orig.-Aquarell. Verschied. Formate. Lose Bl. in einer hellbraunen Leder-Mappe d. Z. mit Aufdruck "Hermann Hesse. Briefe". (Montagnola und o. O.) 1928-1934.
Großenteils sehr umfangreiche und gehaltvolle Briefe an Frau M. M. Redlhammer in Gablonz (Neisse). Auf einer signierten Porträtfoto-Postkarte (wohl Zürich 1928) erwähnt der Dichter - erstmals in dieser Briefreihe - seine wachsenden Augenprobleme. "... Meine Freundin [Ninon Dolbin] verreist dieser Tage für 3 Wochen, in dieser Zeit bin ich ohne Vorlese -Hilfe. Bisher nur ein Tag ohne Schmerzen. Vermutlich gehe ich Anfang Mai nach Montagnola ...". In den folgenden Briefen beruhigt er sie bezüglich seines Augenleidens. "... Auf das, was Sie über meine Augen und mein Kranksein sagen, ist schwer zu antworten. Ich erhalte fast täglich Briefe, die ähnlich klingen, auch von Solchen, die den Zustand meiner Augen und meines ganzen Lebens seit vielen Jahren kennen: sie tun alle so, als müsse das morgen oder übermorgen plötzlich aufhören ..." (dieser Brief fragmentarisch, aber mit Aquarell "Landschaft im Tessin"). "... Ich bin noch etwa 10 Tage in Zürich. Meine Freundin (welche übrigens sich seit einem Jahr sehr um meine Verpflegung bemüht und mir allerlei Sahne etc einflösst) ist für einige Zeit in Berlin, dort wird Ihre Sendung Sie überrascht haben. - Vom 'Piktor' existieren zur Zeit drei fertig geschriebene Exemplare. Ich sende Ihnen eines dieser Tage zu. Das Märchen eignet sich besonders dazu, laut gesprochen zu werden. - Aber wegen meiner Augen brauchen Sie nicht zu fürchten, dass das Malen und Schreiben sie verderbe. Im Gegenteil: grade jetzt, wo ich beinahe gar nichts lesen kann, ist das Malen meiner kleinen Bildchen und das bischen [!] Schreiben die Beschäftigung, die mich über Wasser hält. Noch schöner natürlich wäre eine andere Beschäftigung: die mit einer neuen Dichtung. Aber dazu braucht es Geduld. Vorerst ist Goldmund gestorben, und seither, seit mehr als einem jahr, bin ich zwar nicht ohne Arbeit (das könnte ich nie vertragen) aber doch ohne eine grosse, sinnvolle, wichtige Arbeit. Und in diesen Zeiten ist das Herstellen der kleinen Bildhandschriften mir eine liebe und nicht anstrengende Beschäftigung ...".

1929 bedankt er sich für Bezahlung seiner Bilderhandschriften. "... Hoffentlich haben Sie ein wenig Freunde an den Gedicht-Handschriften. Den 'Verführer' habe ich extra geschrieben, und zwar in Antiqua-Schrift, da diese Ihnen geläufiger sein wird und da dieses Gedicht ja eigens auf Ihren Wunsch geschrieben wurde. Die andern Gedichte sind in Fraktur geschrieben, da dies die mir geläufige Schrift ist. - Im Frühling wurde ich mit einer ziemlich umfangreichen neuen Dichtung fertig, dem 'Goldmund', ich habe mehr als zwei Jahre an ihm gearbeitet, er erscheint im nächsten Jahr als Buch ...". Im September 1929 berichtet Hesse vom Besuch seines Sohnes Bruno in Montagnola, von dessen Ausbildung als Maler, Zeichner und Radierer und von ihren gemeinsamen Ausflügen zum "Skizzieren". In einem weiteren Brief (aus dem Schweizer Baden) geht er auf den ihn etwas enttäuschenden Sammelband "Letzte Reife" ein, der von Hesse die Erzählung "Traumfährte" enthält: "... ich gab doch einem Beitrag dazu, einmal um inmitten der Schweizer Kollegen mich nicht abzusondern, und dann weil eben diese Erzählung ... mir besonders lieb ist ... Ich halte diese kleine Erzählung, mit Ausnahme der Morgenlandfahrt, für das beste was ich in den letzten Jahren geschrieben habe ...". Am 19. November 1929 schreibt er aus Zürich: "... Soeben habe ich eine kleine Reise hinter mir, ich komme aus Schwaben zurück, wo ich drei Vorlesungen hielt: eine in Tübingen und zwei in Stuttgart ... Ich sah meine beiden Schwestern und einen meiner Brüder, und deren Kinder, sah einige Schulkameraden aus Calw, Maulbronn und Tübingen, sowie einige Landschaften, die mir einst lieb und vertraut waren, dazu gehören auch Ulm und Blaubeuren, die ich auf der Rückfahrt besuchte ...".

Im Dezember 1929 beschäftigt sich Hesse mit Hugo Ball und dessen Witwe Emmy. "... Sie haben den Steppenwolf gelesen, und die Mehrzahl meiner Gedichte und die Nürnberger Reise und anderes - Sie wissen also wohl, dass mein Leben weder schön noch froh, sondern ein dauerndes Leiden ist. Es hat keinen Sinn, das weglügen zu wollen. Ich finde in unserer Welt und Zeit keine Luft zum Atmen - so wie Hugo Ball materiell verhungert ist, so verhungere ich seelisch ... Seine Witwe, mein liebes Sorgenkind, lebt seither meistens in meiner Tessiner Gegend. Sie führt ihr weltfernes Leben, es ist dasselbe wie sie es einst mit Hugo zusammen führte, es besteht aus viel Einsamkeit, viel Traum, viel geistiger Arbeit, und beständiger, bitterer Armut." Beschreibt dann Emmy Balls kümmerliches Leben mit ihrer Tochter, gemeinsam in einem einzigen, "winzigen Zimmerchen". - Zum Goethe-Jahr 1932 schreibt Hesse: "... Dem Goethe-Theater sehe ich belustigt zu. Das deutsche Volk, im Geistigen und Kulturellen nie sehr glücklich, hat sich vorgenommen, den von ihm theoretisch verehrten, in Wirklichkeit abgelehnten Goethe einer ungeheuren Belastungsprobe auszusetzen. Wenn Goethe dies Jahr 1932 aushält, dann ist er wirklich unsterblich." Auch im August 1933 berichtet er von Emmy Ball und deren Tochter. In einem weiteren Brief erbittet er finanzielle Hilfe für Emmy Ball und berichtet dazu, dass er "jetzt sein Brot wieder reichlich verdiene", umziehen werde und künftig nur noch den Sommer in der äußerst unwirtlichen, kalten Wohnung in Montagnola verbringen wolle. - Wohl 1933 oder 1934 äußert sich Hesse zu Hitlers Machtergreifung in Deutschland. "... Im Vordergrund für mich stehen natürlich die deutschen Ereignisse. Der Ausbruch des weißen Terrors bedroht natürlich mich und meinen Verleger auch, im Augenblick aber steht zuvörderst die Sorge um nahe Freunde, Kollegen etc. ... Deutschland war dem Geist ja nie so freundlich, wie es gern in seiner Grossprecherei tat, aber so systematisch geist- und kulturfeindlich ist es doch noch nie zugegangen. Wir haben wieder Krieg, und wieder geht er gegen uns, gegen die Friedlichen, die Denkenden und Frommen. Es muß ertragen werden ...". Um dieselbe Zeit beklagt er den politisch bedingten Rückgang seiner Einkünfte und wirbt für Subskription seiner illustrierten Gedicht-Abschriften: "Diese ... kosten: von Hand geschrieben 200 bis 250 Franken, mit Maschine geschrieben 150 Franken." Der letzte Brief ist handgeschrieben und an den nun verwitweten Fritz Redlhammer gerichtet: "... Ohne Frau Redlhammer je gesehen zu haben, habe ich aus ihren Briefen ein höchst lebendiges Bild von ihr, u. habe für ihre impulsive, originelle u. dabei so sehr gütige Art eine aufrichtige Verehrung. So wird auch von mir die liebe u. verehrte Dahingegangene nicht vergessen werden ...".

Einige, wenn auch insgesamt unbedeutende Mängel: Bei einem Brief fehlt der Schluß; bei zwei Briefen fehlt die Unterschrift, obwohl es sich zweifellos um die Originale handelt; gelegentlich kleine Randdefekte. - Beiliegend ca. 25 Zeitungsartikel von und über Hermann Hesse, großenteils wohl in Erstdrucken. - Die bedeutende Briefsammlung, in welcher der Dichter sein Dasein, Denken und Schaffen in ungewöhnlicher Offenheit darlegt, bietet wertvolle Einblicke in Hermann Hesses Existenz in einer krisenhaften Epoche Europas.


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