Los 6316

Breling, Heinrich
(1849 Burgdorf bei Hannover – 1914 Fischerhude)Innenansicht des Marokkanischen Hauses im Park von Schloss Linderhof

Schätzung
18.000€ (US$ 20,455)

Abgabe von Vorgeboten möglich

Los 6316 - Breling, Heinrich - Innenansicht des Marokkanischen Hauses im Park von Schloss Linderhof - 0 - thumb

Aus dem Katalog
Horizonte – Zauber ferner Welten
Auktionsdatum 4.6.2026

Lot 6316, Auction  127, Breling, Heinrich, Innenansicht des Marokkanischen Hauses im Park von Schloss Linderhof

Innenansicht des Marokkanischen Hauses im Park von Schloss Linderhof.
Aquarell und Gouache über Bleistift auf Velin. 35 x 40,2 cm. Unten links signiert "HBreling".

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasste ganz Europa eine ausgeprägte Orientbegeisterung. Zur Begegnung mit den fremden Kulturen trugen maßgeblich auch die Weltausstellungen bei. Diejenige in Wien 1873 mit seinem Orientalischen Viertel und den entsprechenden Bauten, regte u.a. auch den Maler Leopold Carl Müller an, mehrfach Ägypten zu bereisen und die Orientmalerei als Geldquelle zu entdecken. Beim bayerischen König Ludwig II. war diese Begeisterung besonders ausgeprägt. Spätestens nach den traumatischen Erfahrungen der zu erfüllenden bayerischen Bündnispflichten im Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 zieht sich Ludwig zunehmend zurück. Er selbst spricht vom "geistigem Herausleben aus der unerträglichen Gegenwart". Auf der Suche seine geträumten Sehnsuchtsorte Wirklichkeit werden zu lassen, lässt er u.a. in der Nähe und im Park von Schloss Linderhof im Graswangtal und im Wettersteingebirge drei Bauten im orientalischen Stil errichten. Zunächst entsteht seit 1869 im Werdenfelser Land am Schachen ein auf 1866 m Höhe gelegenes Berghaus. Äußerlich und im Erdgeschoss folgt es dem Typus eines "Schweizerhauses" aus Holz, im Obergeschoss dagegen herrscht im 'Türkischen Saal' orientalische Pracht: einem historischen Saal des 18. Jahrhunderts im Palast von Eyüp nachempfunden, mit plätscherndem Springbrunnen, reich ornamentierten vergoldeten Wänden, großen, bunten Glasfenstern, einem kostbaren Teppich und üppig verzierten Accessoires. Wasserpfeife rauchende und Tee trinkende Diener in orientalischer Kleidung vervollkommneten - wohl abgesehen vom bayerischen Dialekt - das "Lebende Bild".
1876 erwirbt Ludwig aus der Konkursmasse eines böhmischen Eisenbahnbauunternehmers einen bereits auf der Pariser Weltausstellung von 1867 als offizieller Beitrag Preußens gezeigten Bau, den 'Maurischen Kiosk'. Der Kiosk wurde von dem Architekten Carl von Diebitsch entworfen, seine Eisenteile wurden in Lauchhammer gegossen. Aufstellen ließ der König den Kiosk mit seiner goldenen Mittelkuppel und den ebenfalls goldschimmernden kleinen Minarettürmen in der Nähe der zur gleichen Zeit gebauten Venusgrotte. Die Ausstattung war Ludwig allerdings zu schlicht und so bestellte er neue Beleuchtungskörper, einen Marmorbrunnen und einen luxuriösen, in Paris hergestellten Pfauenthron, welcher in einer Thronnische aufgestellt wurde. Ende 1877 waren Aufbau und Ausstattung abgeschlossen. Im folgenden Jahr 1878 dann beauftragte er seinen Architekten Georg von Dollmann, auf der Weltausstellung in Paris das „schönste orientalische Gebäude von den ausgestellten“ auszusuchen und zu erwerben. Das sogenannte 'Marokkanische Haus' wurde im November desselben Jahres in Einzelteilen angeliefert und im Dezember in der Nähe der seine enge Freundschaft mit Richard Wagner ausdrückenden Hundinghütte, nicht weit von der österreichischen Grenze aufgestellt. Der Ausstellungspavillon, der als Verkaufsstand für marokkanisches Kunsthandwerk diente, ist in der Reihe der orientalischen Bauten Ludwig II. im übrigen das einzige, das tatsächlich im Orient erschaffen wurde, während die anderen Interpretationen der orientalischen Kunst durch europäische Architekten darstellen. Ausgestattet mit reichen Stoffen und prunkvollenTeppichen und zuvor in Paris erworbenen Einrichtungsgegenständen, arrangierte der König den Innenraum zu einem orientalischen Stilmix.
Etwa zur selben Zeit muss Ludwig auf Ausstellungen an der Münchner Kunstakademie auf den bei Wilhelm Diez studierenden Heinrich Breling aufmerksam geworden sein. Dessen detailreicher Malstil, der dem König gefiel, brachte ihm ab 1878 erste kleinere Aufträge ein, die der junge Künstler offenbar zur vollen Zufriedenheit erfüllen konnte. Von da an war Heinrich Breling bis zum Tod des Monarchen 1886 mit der Anfertigung von fotorealistischen Aquarellansichten von Schlössern und Interieurs des Königs im Dauereinsatz beschäftigt. Besonders im Schlossareal Linderhof arbeitete Breling ab 1881 monatelang und lebte deshalb oft auch mit seiner Familie vor Ort. Für die sehr kalte Winterzeit stellte Ludwig dem Maler extra ein „kleines [fahrbares] Malhäuserl [mit] einem winzigen Ofen“ zur Verfügung. Die Ansichten von Schloss Linderhof und seinem Park fanden als Fotografien weite Verbreitung und verhalfen Breling zu großer Popularität. Von Ende September bis Ende Oktober 1881 arbeitete er mit Unterbrechungen an zwei Aquarellen vom Marokkanischen Haus - einer Außen- und einer Innenansicht, die beide im Besitz Ludwigs verblieben (Petzet 1968, op.cit., Kat. 877; Wittelsbacher Ausgleichsfonds, WAF Inv. 307). Das Aquarell mit der Innenansicht des ‚Marokkanischen Hauses‘ ist signiert und kann in das Jahr 1881 datiert werden, da Breling mit einer Summe von 2.230 Mark für eine Sammlung von Ansichten der ‚Rosa Grotte und das Marokkanische Haus‘ aus Linderhof bezahlt wurde.
Den Erfolg der Aquarelle spiegelt auch die Tatsache wider, dass Breling von der Innenansicht des Marokkanischen Hauses eine in allen Details entsprechende zweite, hier angebotene Fassung anfertigte. Wie zufrieden Ludwig II. mit seinem Maler war zeigt auch, dass er ihn im Jahr 1883 zum königlichen Professor und 1884 zum Hofmaler ernannt hat. Nach dem Tod des Königs 1886 sank langsam auch Brelings Stern. Im Frühjahr 1892 zog er mit der Familie zurück in den Norden. Das 'Marokkanische Haus' wurde nach Oberammergau an den Privatmann Johannes Diemer verkauft, wo es, nach dessen Tod 1896, in einem Garten langsam verfiel. Im Jahr 1980 wurde das Haus von der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung zurückerworben und sorgfältig, unter Zuhilfenahme von Brelings Aquarellen, restauriert. Die Wiederaufstellung erfolgte 1998 an einem näher am Schloss gelegenen Standort.

Provenienz: Aus der Sammlung König Ludwigs II. von Bayern.
Stiftung Wolfgang Ratjen, Vaduz.
Privatsammlung, Deutschland.
Privatsammlung, Oberpfalz.

Literatur: Vgl. Michael Petzet (Hrsg.): König Ludwig II. und die Kunst, Ausst.-Kat. Residenz München, München 1968, S. 222-223, Nr. 877, Abb. S. 141.
Michael Petzet: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern, München 1995, S. 165 mit Abb.
Matthias Staschull: "Marokkanisches Haus im Schloßpark Linderhof: Konzept für eine gesamtheitliche Restaurierung", in: Restauro, 105 (1999), S. 510-516, hier S. 512, Abb. 5.

Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist.


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