Los 3085

Kisch, Egon Erwin
(1885-1948)5 (3 eigenhändige) Briefe an Jarmila Haasová aus dem Exil in Versailles

Zuschlag
1.800€ (US$ 2,093)

Los 3085 - Kisch, Egon Erwin - 5 (3 eigenhändige) Briefe an Jarmila Haasová aus dem Exil in Versailles  - 0 - thumb

Aus dem Katalog
„Egon Erwin Kisch“
Auktionsdatum 13.10.2021

Lot 3085, Auction  118, Kisch, Egon Erwin, 5 (3 eigenhändige) Briefe an Jarmila Haasová aus dem Exil in Versailles

"Wir sind einfach Schweine, aber unfreiwillige." - "Es ist zum Kotzen."
Kisch, Egon Erwin. 5 (3 eigenhändige) Briefe an Jarmila Haasová aus dem Exil in Versailles in deutscher und tschechischer Sprache, jeweils mit Unterschrift "Egonek". etc. 27 x 21 cm. Mit 4 Kuverts. Versailles 1936.
Haupt 154ff. – Bedeutende, inhaltsreiche Korrespondenz von Egon Erwin Kisch und seiner Partnerin Gisela Lyner aus dem Exil in Versailles an Jarmila Haasová, bei der es um die Arbeit, die Korrekturen seiner Reportagen und Bücher, deren Veröffentlichung, aber auch um die immer schwierigere Situation der Exilanten in Frankreich geht. So können die beiden nicht mehr frei reisen, brauchen Visa und haben dennoch Grenzprobleme, hinzu kommen die Geldsorgen - aber auch Erfolge und vor allem viele Besuche von Freunden, Bekannten, bedeutenden Kollegen, Journalisten, Schriftstellern, Kommunisten und Widerständlern gegen die deutsche Diktatur.

1) 24. Januar 1936. Eigenh. auf Deutsch. "Mily Jarmiláče! Anbei Fragebogen retour. Sonst heute nichts Neues. Außer, daß ich auch meine Füllfeder verloren habe. Weiskopf schreibt mir heute, er will etwas gegen den Boykott meiner Bücher in Prag schreiben. Sonst scheint er an das Honorar nicht zu denken, will aber den 'Case' bringen, will schon jetzt Reklamenotiz. Ich würde das alles von Woche zu Woche druckreif machen. .." Der Schriftsteller Franz Carl "F.C." Weiskopf (1900-1955) schrieb in deutscher Sprache und stammt wie Kisch aus Prag. Seine Mutter war Tschechin, sein Vater ein jüdisch-deutscher Bankangestellter. Mit dem 'Case" meint Kisch den ersten Teil seines "Buches Landung in Australien, in dem Kisch über seine Überfahrt, Verhaftung und Inhaftierung, über die Kampagne zu seiner Freilassung sowie den gegen ihn geführten Prozeß - also über die eigenen Erlebnisse - berichtet, bevor er dann in Reportagen über Geschichte und Leben in Australien schreibt" (Haupt S. 154 Anm.).

2) 5. März 1936. Masch. auf Deutsch. Unten auf einem umfangreichen Brief von Gisl Lyner an Jarmila. Diese berichtet von der Rückkunft nach einem Aufenthalt Kischs in Prag: "Inzwischen ist auch Egonek eingetrudelt, aber erzählen tut er sehr wenig, was immer man ihn fragt, wie geht es dem, was macht der, immer antwortet er: ich weiß nicht. Und sagt nur, daß er eigentlich mit keinem Menschen richtig reden konnte, dasselbe, was Du auch sagst. Seit seiner Ankunft bis gestern haben wir ununterbrochen die nächste Fortsetzung für die A.I.Z zurechtgemacht ..." Sie schreibt von Problemen der Wiedereinreise nach Frankreich und Visaproblemen und hofft, "daß alles geregelt wird, damit wir nicht beide beim Zurückkommen uns an der Grenze herumstreiten müssen, und vielleicht das nächstemal ohne Erfolg ... Ich würde nichts sagen, wenn nicht so miese Zeiten wären". Sie erwähnt Lene Radó, Paul Eisner, John Fisher Tom Fitzgerald und F. C. Weiskopf und schließt ein "Diktat von Egonek" an: "Den Brief ans Deutsche Theater habe ich schon geschrieben, wenn Duschko ihn haben will, kann ich ihn ihm schicken". Mit Duschko ist der Schriftsteller Fodor Dragutin (1900-1974) gemeint, der unter seinem Pseudonym Theodor Balk schrieb. Es folgt eine kleines Erlebnis: "Den Stich von Versailles scheine ich in Prag vergessen zu haben. Im Zug saß zwischen mir und meinem Freund, mit dem ich nicht sprach, ein Mann, der sich als Detektiv entlavte und es dann auch gar nicht leugnete. Er stieg in Horní Dvořiště aus. Warum er mitgefahren ist, weiß ich nicht. Aber wie man doch achtgeben muß! ... Machs hübsch, Jarmilatschku, old Egonek".

3) 15. März 1936.
Eigenh. Brief auf Tschechisch mit einigen Zeilen von Lyner auf Deutsch. mit Unterschriften "Gisl" und "Egon". Er schreibt von den zahlreichen Besucher in Versailles - Kisch und Lyner waren zu einer der Informations-Drehscheiben im Exil geworden. So besuchte sie 1936 auch der Schriftsteller Bruno Frank (1887-1945), der als Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie schon am Tag nach dem Reichstagsbrand seine Heimat verlassen hatte.

"Gestern war der Frank hier ... außerdem natürlich viele andere, Gisl mußte 5mal Kaffee kochen. Lene [Radó] war auch hier. Du hast wohl meinen Brief nicht bekommen, in den Lene die Fotografie von ihrer Freundin für Johnny H. [d. i. John Heartfield] beigelegt hat? Das war gerade der sogenannte 'Kollektivbrief' ... Der Zwischenfall von Kaspar mit diesem Deutschen im Kino ist wirklich erstaunlich. Arbeiten kann ich hier nicht, wenn sich solche Burschen wie der Frank hier einnisten. Am Sonnabend war ich in einem Chaplin-Film, weil Bornstein, der mich gebeten hat, darüber zu schreiben, nicht wieder ablehnen wollte. Es wird übermorgen im Tagebuch erscheinen."

4) 25. März 1936. Überaus ausführlicher, langer und inhaltsreicher masch. Brief auf Deutsch mit Unterschrift "Libá Té Jarmiláčku Tvůj Egonek" (eingerissen und mit farbigen Anstreichungen). "Liebste Jarmila, Du kannst Dir keinen Begriff machen, wie es hier zugeht, und wir denken ernstlich daran, mit Hinterlassung all unserer Habe einfach zu flüchten. Wahrscheinlich zu Yvonne nach Holland. Obwohl wir uns ausser zu Versammlungen fast nicht wegrühren, sind wir nicht imstande mehr als eine Fortsetzung für die A.I.Z. per Woche druckfertig zu machen ... Nevertheless bist Du die Einzige, mit der wir überhaupt in brieflichem Kontakt sind.

Deinen Brief an Anna [Seghers] haben wir weitergegeben, sie wird Dir antworten, auch sie flüchtet heute oder morgen vor dem Betrieb". Erwähnt John Fischer, Otto Katz, Willy Münzenberg, Olga Ossip, F. C. Weiskopf (meist nur mit Vornamen). "Deine Übersetzung der Chassjad Mirkulan [eine Reportage aus Abenteuer in 5 Kontinenten] habe ich wirklich gelesen, sie gefiel mir glänzend ..." und zu anderen seiner Werke, dem 'Case' [Landung in Australien]: "Es ist zum erstenmal, daß Du ein ungedrucktes Buch von mir übersetzt, und deshalb kann man alle Anregungen noch in die deutsche Originalausgabe hineinarbeiten ... 'H. M. S. Strathaird'. Das ist falsch 'H.M.S. (His Majesty Ship) sind nur die Kriegsschiffe. Streich es als heraus und laß nur 'Strathaird' stehn ... Ich erinnere mich deshalb daran, weil der Schneidermann den 'Case' [Landung in Australien] ins Jiddische übersetzt, und er sagte, die ersten drei Seiten waren eine Teufelsarbeit, erst dann kam er in den Stil hinein. Er ist wahrsceheinlich nicht gewohnt, so konzentrierte Sachen zu übersetzen".

Weiter über John Fisher, der in Moskau weilt: "Ich bin neugierig, ob sich John F. nicht doch noch in M. halten wird. Vor einem Jahr waren wir beide noch auf dem Schiff, damals dachte ich kaum, daß er in M. eine Arbeit finden wird ... An Tom, Nell und Kev [gemeint ist Tom Fitzgerald und seine Familie] haben wir seit Monaten nicht geschrieben, wir sind einfach Schweine, aber unfreiwillige." Auf Verdacht der Zensur seiner und der Briefe seiner Bekannten: "Es ist wirklich auffallend, daß gerade der Kollektivbrief mit dem Foto verlorengegangen ist. Meiner Ansicht nach ist es nur ein Zufall; aber es ist doch komisch, daß es immer Briefe mit merkwürdigen Sachen, wie z. B. das Foto verlorengehen".

5) 29. März 1936. Eigenhändiger Brief von Lyner und Kisch auf Deutsch: "Ich will Dir nur in aller Eile mitteilen, daß wir aus Holland wieder ausgeladen sind. Wir haben aber doch Abreisepläne, falls wir etwas Geld bekommen. John schrieb uns gestern aus M[oskau]". Und Kisch: bei schwerer mehrstündiger Arbeit können wir täglich nicht mehr als 2 bis 2 1/2 Seiten zu Ende korrigieren! Das bedeutet bei einem Buch von etwa 370 Seiten, daß wir knapp vor Weihnachten fertigwerden, wenn keine Störungen eintreten. Es ist zum Kotzen!".

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