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Los 1001Rhetorica
De retorica eiusdemque nomen". Incipit-Fragment einer lateinischen Handschrift auf Pergament.

Auktion 127

Schätzung
70.000€ (US$ 79,545)

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HANDSCHRIFTEN


Bis dato unbekanntes Schriftzeugnis aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts: Fragment einer Unzial-Handschrift der frühen Karolingerzeit

Rhetorica. "De rethorica eiusdemque nomen". Incipit-Fragment einer lateinischen Handschrift auf Pergament. 1 Blatt, 1 Seite. 13 Zeilen. Schriftraum ca. 10,2 x 11 cm. Blattgröße 10,6 x 13,6 cm. Unziale in braunschwarzer Tinte. Mit 15-zeiligen Feder- und Flechtwerkinitiale "R" in braunschwarzer Tinte. Wohl Norditalien erste Hälfte des 8. Jahrhunderts.
Außergewöhnlich prachtvolles Handschriftenfragment einer frühkarolingischen Unzial-Handschrift, die aller Wahrscheinlichkeit nach noch in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts nach Norditalien zu datieren ist, mit einer besonders großen, prächtigen Flechtwerk-Initiale "R" (9 x 5,3 cm) und 13 Zeilen Schrift. Vergleiche mit wenigen, in öffentlichen Bibliotheken bewahrten Fragmenten, unterstützen die Datierung.

Das bislang unbekannte Fragment gehört zu den ältesten Textzeugnissen der weitverbreiteten Etymologiae (Etymologiae, II, I, 1) des Isidorus von Sevilla (gest. 4. April 636), Buch II "De artibus liberalibus", Kapitel !De rhetorica eiusque nomine!.

Die Schrift ist also eine gelungene, sehr regelmäßige Unziale, die alle Merkmale dieses Schrifttyps aufweist (vgl. etwa die Buchstaben "E", "M" oder "U"). Die Schrift, aber auch die große Initiale lassen vermuten, dass die Handschrift in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts in Norditalien entstanden ist (Vgl. Codices latini antiquiores Nr. 24a, 55, 91, 127, 317, 333, 430 und 546).
Auch die R-Initiale könnte auf einer Entstehung der Handschrift in Norditalien verweisen. Die Abkürzung für 'autem' in der vorletzten Zeile ist ursprünglich irisch oder angelsächsisch, wurde jedoch im Frühmittelalter auch in insular beeinflussten Scriptorien auf dem europäischen Festland verwendet. Die Transliteration der griechischen Wörter ist nahezu perfekt; die Verwendung von Versalien in der 1. Zeile ist enigmatisch. Unleserliche Spuren und Reste einer Beschriftung auf der Rückseite.

"De rethorica eiusdemque nomine. RETHORICA est benedicendi scientia in civilibus questionibus ad persuadendum justa et bona. Dicta autem rethorica greca appellatione ‘a potu rethoresin’ [besser: ‘rethorisin’] id est a copia loquutionis. ‘Resis’ enim apud grecos locutio dicitur,’rethor’ orator." Der Text enthält somit einen der berühmtesten Definitionssätze Isidors: "Die Rhetorik ist die Wissenschaft des guten Redens in öffentlichen Angelegenheiten, um zu gerechten und guten Dingen zu überzeugen." Dieser Schlüsselsatz bildet einen zentralen Ausgangspunkt mittelalterlicher Gelehrsamkeit im Bereich des Triviums (Grammatik - Rhetorik - Dialektik).
Isidor transformiert die antike Rhetorik in ein christlich-ethisches Bildungsmodell; genau diese Definition prägt über Jahrhunderte Kloster- und Kathedralschulen und wirkt bis in den Kontext der karolingischen Reformbewegung hinein. In Alkuins "Disputatio de rhetorica et de virtutibus" erscheint sie nahezu unverändert wieder - als Verbindung von Redekunst, Herrscherethos und Tugendlehre. Der erhaltene Abschnitt deckt den Beginn der klassischen Rhetorik-Definition ab. Die Lesung entspricht der Vulgata-Fassung nach Lindsay (Oxford 1911) mit nur geringfügigen orthographischen Varianten frühmittelalterlicher Schreibpraxis. – Die Rückseite ist weitgehend weiß, da das Blatt als Einbandmakulatur verwendet wurde. Sie weist Leim- und Montagespuren auf und zeigt deutliche Dünnungen im Pergament sowie auch Wurmspuren, die nur in seltenen Fällen auch die Oberfläche recto betreffen (auf der ca. 20 kleine und kleinste Wurmlöchlein durchschlagen, die kaum zu Buchstabenverlust führten). Durch das Loslösen ging nahezu der gesamte Text verso verloren, allerdings sieht man noch Reste einer kleineren Flechtmotiv-Initiale "R" oder "P" und unten den oberen Hals eines "S", rechts in winziger Schrift ein Kommentarrest. Auch recto befindet sich links neben der Prachtinitiale ein kleiner 3-zeiliger Kommentar. Die Versoseite in bemerkenswert gutem Erhaltungszustand.

Nach Befundlage wurde das Blatt in der Frühen Neuzeit als Makulatur in einem Bucheinband (wohl 15.-16. Jh.) wiederverwendet und später - aufgrund der qualitätvollen Initiale und des bedeutenden Textes - gezielt herausgeschnitten. Die gut erhaltene Vorderseite und die auf der Rückseite sichtbaren Abschab- und Extraktionsspuren stützen diese Annahme.

Ein außergewöhnlich frühes, nahezu 1300 Jahre altes Schriftdenkmal und ein herausragendes Zeugnis frühmittelalterlicher Buchkultur. Handschriftenfragmente aus dem 8. Jahrhundert sind im Handel nahezu unbekannt und finden sich fast ausschließlich in Bibliotheks- und Museumsbeständen; ein Exemplar dieser Qualität, mit erhaltener Zierinitiale und prägnantem Text, darf als sensationell selten bezeichnet werden.

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[*]: Regelbesteuert gemäß Auktionsbedingungen. [^]: Ausgleich von Einfuhr-Umsatzsteuer.

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