Los 6379

Spoerri, Daniel
(1930 Galati, lebt in Wien)Ohne Titel ("Brötchen")

Nachverkaufspreis
1.800€ (US$ 2,069)

Los 6379 - Spoerri, Daniel - Ohne Titel ("Brötchen") - 0 - thumb

Detail-Zoom:

Aus dem Katalog
Über das Leben hinaus – Die Sammlung Louis Peters, Köln
Auktionsdatum 10. Juni 2021

Lot 6379, Auction  117, Spoerri, Daniel, Ohne Titel ("Brötchen")

Ohne Titel ("Brötchen").
Bronze, teils bemalt. H. 15,8 cm. Signiert und nummeriert "1/8".

Vielleicht gehören die Prillwitzer Idole zu einer der erfolgreichsten Fälschergeschichten des 18. Jahrhunderts, in die selbst die Königin von England und Goethe hineingezogen wurden. Zunächst einmal war es jedoch ein unverdächtiger Vorgang, der in Akten und Büchern geschildert wird: Beim Pflanzen eines Birnbaums im Garten des Gutshauses in Prillwitz stieß man um 1768 plötzlich auf eine Reihe von metallenen Figuren. Einige von ihnen sind von runenartigen Schriftzeichen überzogen; wobei man in einem den Namen Rhetra zu lesen meint.
Neben Arkona, das sich leichterhand auf Rügen verorten ließ, suchte man seit Jahrhunderten nach dem zweiten bedeutenden Slawen-Heiligtum Rhetra. Durch den Fund schienen sich nunmehr Behauptungen zu bewahrheiten: Prillwitz war das alte Rhetra.
Zufälligerweise wurde gerade der Nachbarort Hohenzieritz von Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz (1741-1816) gekauft, der als zweitgeborener Fürstensohn zwar seinen Unterhalt als Stadtgouverneur von Hannover verdienen musste, aber dennoch in seiner Heimat einen modernen Landsitz erbauen wollte.
Die Strelitzer gehörten zwar dem alten schon im 12. Jahrhundert greifbaren Slawengeschlecht der Obotriten an, doch entstand ihre Nebenlinie erst 1701. Die „Hauptstädte“ Strelitz, Neubrandenburg und Fürstenberg zeugen davon, dass es sinnlos war, sich nach der Decke zu strecken. Nun aber zeigte der wunderbare Glücksfund, dass die Strelitzer im Besitz einer Urzelle ihres Geschlechtes waren, zumal Arkona im preußischen Vorpommern lag. Beim vornehmeren Vetter in Schwerin hätte dies allenthalben einen Achtungserfolg erbracht. Allerdings war Karls Schwester Sophie Charlotte, die Gattin Georgs III. von England somit nicht nur britische Monarchin, sondern auch Kurfürstin von Hannover.
Aus Mecklenburg stammten immer wieder Königinnen von Dänemark oder Preußen, doch Queen Charlotte aus Mirow war etwas Besonderes. Der Hofmaler Daniel Woge und der Hofhistoriograph Andreas Gottlieb Maschens widmeten deshalb ihren bebilderten Bericht mit dem Titel „Gottesdienstliche Alterthümer der Obotriten aus dem Tempel von Rhetra“ der Monarchin. [Abbildung ?!] Sie sollte zurecht stolz auf ihre Heimat sein, in der man ein ‚nördliches Herculaneum‘ gefunden hatte. Selbstredend wurden die Fundstücke nach Hohenzieritz gebracht und dort ausgestellt. Am Ende waren es fast 100 Artefakte.
Sie trafen genau den Nerv der Zeit: Winkelmanns antikischer Positivismus stand unter Generalverdacht, da man mehr und mehr eigene nordalpine Traditionen entdeckte. Dem Süden stellte man eine eigene germanische, gotische, slawische, britische Geschichte entgegen.
Spätestens als Herzog Karl und sein Bruder Ernst ihre Schwester Charlotte und deren Familie 1770 in England besuchten [: hinreißendes Gruppenbild von Ziesenis!], begreift er das Moderne, das der englischen Kultur innewohnt: Es sind die Landschaftsgärten, die Quadratkilometer des Landes umgestalten. Vielsagende Ritterburgen, bedeutsame Orte und altehrwürdige Heiligtümer finden im Bild eines heimischen Elysiums zusammen. Hatte man so etwas nicht auch in Hohenzieritz?
Das Zauberwort der Zeit war die Verschränkung von Raum und Geschichte, also die Verortung von Sehnsüchten in einer Zeit, in der man merkt, dass eine Welt durch innere und äußere Herausforderungen ins Wanken gerät. Karl war diesen Ideen vollkommen aufgeschlossen und wollte in Hohenzieritz einen dieser modernen Landschaftsgärten anlegen. Am Hof seiner Schwester bat er um die Ausarbeitung eines Gartenplans, der vom blutjungen und kenntnishaften Gärtner Archibald Thompson 1771 aus Kew nach Strelitz gebracht wurde.
Seine Mittel waren zwar knapp und der Raum begrenzt (erst 1796 konnte er Prillwitz erwerben), doch war auch klar, dass er seinen kinderlosen aber regierenden Bruder Adolph Friedrich IV. (1738-1794) beerben würde. Unter diesen Prämissen reifte einer der qualitätsvollsten Landschaftsgärten des europäischen Kontinents heran: Der Besucher verließ linkerhand das Schloss und traf in der Querachse auf einen Schneckenberg. Von dort erblickte er auf der einen Seite die moderne Gartenlandschaft, auf der anderen aber wanderte sein Blick auf das benachbarte Prillwitz. Die historische, reale Landschaft und das geschaffene Elysium werden zu einer Einheit, in der der Nachfahre der Obotriten waltet, herrscht und gestaltet.
In diesem Punkt könnte die Geschichte im Wohlgefallen enden, wenn es kein Nachleben gäbe. So konnte Herzog Karl beispielweise seine beiden Töchter Luise und Frederike an den preußischen Hof verheiraten. Letztere reüssierte später als Königin von Hannover, erste wurde jedoch preußische Königin.
Angesichts der Befreiungskriege, die von dem sich antik-römisch gebährenden Kaiser Napoleon angezettelt wurden, besann man sich auf Symbole, die einen neuen Zusammenhalt festigen konnten. So bekam Königin Luise vom Vater ein Diadem geschenkt, in dem die Prillwitzer Idole eingearbeitet waren, Frederike hingegen ein Armband. Heimatbezug und Politik mögen auch eine Rolle gespielt haben, als Caspar David Friedrich in einer Skizze ein gotisches Neubrandenburger Stadttor mit einem Prillwitzer Idol festhält. [schöne Zeichnung] Mehr noch, Graf Potocki, sieht im Sinne seiner polnischen Altertumsforschung die Prillwitzer Idole als ein wichtiges Stück, eine große nordische Geschichtsschreibung voranzutreiben.
Kaum verebben die Freiheitskämpfe, wurden positive und auch kritische Stimmen (u.a. Goethe) schriller. Eine von obersten Stellen eingeleitete umfangreiche Untersuchung brachte schließlich zu Tage, dass die Stücke Fälschungen waren. Zwischenzeitlich hatte sie aber eine Dynamik in Gang gesetzt, die sich nicht mehr aufhalten ließ: Die Fundstücke veranlassten den herzoglichen Schweriner Vetter nicht nur 1804 eines der ersten deutschen Denkmalschutzgesetzte zu erlassen, sondern zu einer eigenen Sammlung. Ja, am Ende wurde ein Fundstück aus Trechow, dass man aufgrund seiner Form als „Wendischen Krone“ stilisierte, zum Symbol des mecklenburgischen Hausordens. Dass es sich - modern gesprochen um eine Radkappe handelte - war unbedeutend.
Daniel Spoerri hat als einer der Ersten a posteriori überhaupt - nicht wissenschaftlich - sondern künstlerisch die Bedeutung der Prillwitzer Idole erkannt. Bis heute weiß man nicht, ob die Fälscher - honorige Personen der Neubrandenburger Gesellschaft, der einstige Eigentümer von Prillwitz oder sogar der Herzog selbst - Drahtzieher dieser Täuschung waren. Tatsache ist, dass alle auch über Jahrzehnte davon profitierten oder sie fortschrieben.
Ebenso wie in Hohenzieritz hat Spoerri in seinem eigenen Landschaftsgarten in Italien die Themen von Verortung und Memoria noch einmal aufgegriffen. Die heutige Forschung konnte er bei der Herstellung seiner Repliken nicht kennen. Hatte er diese Dimensionen geahnt? Und wenn: warum kopiert er Fälschungen? Im Sinne der Archäologie sind sie falsch, im Sinne der Kunstgeschichte aber reale Artefakte. Der Künstler bietet dem Betrachter Objekte dar, an dem er den Schnittpunkt zwischen Wirklichkeit und Wahrheit auslotet. Sie sind unwahr und falsch, trotzdem haben sie nicht nur eine Wirklichkeit, sondern mittlerweile auch Geschichte geschrieben.
Vielleicht muss man sein Werk vor dem Hintergrund postmoderner Historikerstreits sehen, die mit den Prillwitzer Idolen einen Vorläufer gefunden haben. Dass sich die Deutungshoheit an „false facts“ festmacht, muss den Historiker wie den Künstler nervös machen. Dass wir gerade heute wieder an diesem Punkt stehen, macht die Objekte besonders spannend.
Die „originalen“ Fälschungen befinden sich übrigens bis heute in Landesbesitz und werden in einem Depot im einstigen Herzogtum Schwerin peinlichst unter Verschluss gehalten. // Dr. Marcus Köhler, Dresden

Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist.


Galerie Bassenge
Erdener Str. 5A
14193 Berlin

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag, 10–18 Uhr,
Freitag, 10–16 Uhr

Telefon: +49 30 8938029-0
Fax: +49 30 8918025
E-Mail: info (at) bassenge.com

Impressum
Datenschutzerklärung
© 2021 Galerie Gerda Bassenge


Galerie Bassenge
Erdener Str. 5A
14193 Berlin

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag, 10–18 Uhr,
Freitag, 10–16 Uhr

Telefon: +49 30 8938029-0
Fax: +49 30 8918025
E-Mail: info (at) bassenge.com

Impressum
Datenschutzerklärung
© 2021 Galerie Gerda Bassenge